Gästesektor: Fußball-Schauen ist wie Sex

Fußball-Schauen ist wie Sex und Public Viewing sein Höhepunkt. Sagen Leute, die es wissen. Ich weiß nur: Das klappt trotzdem nicht. Und: Es liegt nur an mir.

Es war eine dieser rührenden WM-Enthusiasmus-Meldungen: Eine halbe Million Südkoreaner harrte vergangene Woche im Morgengrauen vor den Public-Viewing-Schirmen aus, um ihr Team spielen zu sehen. Und ich? Lümmelte derweil bequem vorm Fernseher, schwenkte mäßig aufgeregt eine Tasse Tee und hatte das Gefühl, etwas zu verpassen.

Was? Nun, Hans-Jürgen Schulke würde folgende Diagnose stellen: Liebe Dame, Sie hatten bei dieser WM bisher den falschen Sex. Der deutsche Sportsoziologe vergleicht nämlich Fußball-Schauen gern mit Sex und zählte dabei im „Neon“-Magazin jüngst drei Kategorien auf: öden Telefonsex (Fußball aus der Sofa-Perspektive), klassische „Triebabfuhr“ im Stadion und – quasi als Höhepunkt – Public Viewing: „Da kommt der Fan dem Vollzug sehr nahe. Man schwitzt, schreit und umarmt wildfremde Menschen.“

Oder halt auch nicht. Denn im Praxistest (man ist ja lernwillig) fällt einem rasch wieder ein, warum man kollektives Fußballkino schon 2008 nicht so super fand: „Wenn die alle anstehen, gehen wir wieder“, sagte also Freund J., als das WM-Quartier im Wiener WUK in Sichtweite war. „Jetzt schauen wir mal“, antwortete ich. „Sieben Achtel der Leute hier haben noch nie ein Stadion von innen gesehen“, sagte J. „Darum geht es nicht“, sagte ich. „Sondern?“, fragte J. „Um Spaß“, sagte ich. „Dafür siehst du aber reichlich unentspannt aus“, sagte J. Darauf ich, eher schrill: „Können wir uns bitte darauf konzentrieren, einen freien Fleck zum Sitzen zu finden. Außerdem muss ich auf die Toilette.“ „Bist du verrückt“, sagte J., „das Spiel beginnt in 40 Minuten. Geh nach dem Anpfiff.“ Der Rest des Abends lässt sich dann circa so zusammenfassen: Es lag nicht an den anderen – diesen vielen jungen, lustigen, lauten Menschen, die alle für Deutschland waren. Es lag an uns. Und an meinem eingeschlafenen Bein, dass wir nicht in der Halbzeit gingen.

Am Nachhauseweg erstellten J. und ich dann unsere eigene Spielanalyse. Fazit: Am besten sind wir für die Finalrunden bei Freunden mit Garten, Grill und Flatscreen aufgehoben. Selbstgemachte Nachspeisen würden wir mitbringen. „Gott, wie erwachsen das klingt“, sagte ich. „Und?“, meinte J., „Hast Du ein Problem damit?“ „Nein, habe ich nicht“ – nur etwas Angst davor, welche Art von Sex Schulke zu Fußball-Schauen im Biedermeier-Idyll assoziiert. Weil: So erwachsen bin ich auch wieder nicht.

ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2010)

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