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Kolumne zum Tag

Lexikon der Politiksprache: Das Blähwort „zeitnah“

(c) Getty Images (Thomas Niedermueller)
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Wir sollten über eine eher ungenaue Zeitangabe reden. Am besten am zeitnächsten!

Präzision ist in der politischen Sprache ein Feind. Denn wer präzise Auskunft gibt, kann darauf festgenagelt werden. Also belässt man es gern bei Aussagen, die zwar gut klingen, aber nicht viel sagen. Besonders beliebt ist etwa die Angabe einer Dauer, bis etwas passieren soll: zeitnah. Dieses Adjektiv kann ein Intervall von ein paar Sekunden angeben, aber auch Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre umfassen. Es lässt damit alle Optionen offen. Zugegeben, Alternativen wie bald, zügig oder demnächst sind zeitlich ähnlich dehnbar. Aber offenbar wirkt das Blähwort „zeitnah“ zumindest verbindlicher, wenn es das auch nicht ist. Zeitnäher, wenn man das sagen könnte, wären natürlich schnell, rasch oder rapide. (Dass etwas im Sauseschritt passiert, wäre dann doch übertrieben.) Und am zeitnächsten? Nun, nach meiner Kenntnis . . . ist das sofort, unverzüglich.

Interessanterweise kommt der umgekehrte Fall im politischen Diskurs kaum vor: „Zeitfern“ hört man nicht allzu oft. Dabei würde es sich für manche Maßnahme, wäre man ehrlich, durchaus anbieten. Aber dass etwa die kalte Progression erst am Sankt-Nimmerleins-Tag abgeschafft wird, eine einheitliche europäische Linie in der Migrationspolitik ad calendas graecas erreicht wird und es die österreichweite Sonntagsöffnung erst dann gibt, wenn Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen, sagt man dann doch nicht einfach so.

Also wird man lieber gute Gespräche führen, bei denen man Geld in die Hand nimmt, damit die Menschen da draußen abgeholt werden, bevor man etwas zeitfern in Aussicht stellt. Interessant ist übrigens auch, dass eine Entsprechung von „zeitnah“ bei Ortsangaben in der Kommunikation so gut wie nie eingesetzt wird. „Papa, wie weit ist es noch?“ „Keine Sorge, mein Kind, wir sind schon ortsnah!“ Darüber sollten wir einmal reden. Beizeiten.

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2020)