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Mein Dienstag

Bitte keine Werbung

Seit ich kein „Bitte keine Werbung“-Pickerl an meinem Postkasten habe, geht es meiner Geldbörse erstaunlich gut, ich möchte sogar sagen: exzellent.

Leider bin ich sehr empfänglich für Werbung, sogar schlechte und völlig unrealistische. Für völlig unrealistische Werbung bin ich überhaupt am empfänglichsten. Das betrifft in hohem Maße Schminkprodukte. Zum Beispiel schaue ich mir Werbung für ein Make-up an, das soll so toll sein, das soll im Gesicht komplett alles verdecken und natürlich tagelang halten, damit könntest du theoretisch ins All fliegen, eine Runde um den Jupiter drehen, und bei der Rückkehr sind deine Hautrötungen noch immer bedeckt. Wird seitens mir natürlich sofort gekauft. Dann gibt es Wunder wirkende Wimperntuschen, die haben alles drin, was der/die Bobo so braucht, Vitamine, Soja, Aminosäuren, Sonnenblumenöl(?), Rosenwasser und Bienenwachs, und von denen nehme ich gleich zwei mit, weil Angebot. Einen Lippenstift teste und kaufe ich, der hat wirklich eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er geht nicht mehr ab. Er klebt an den Lippen wie Autolack – es fühlt sich auch an wie Autolack, und ich glaube, es ist Autolack. Mit all diesen Produkten decke ich also mein Gesicht ein, ehe ich ausgehe, und wie ich spätabends heimkomme, bin ich müd, wasche nur halbherzig das Gesicht, gehe schlafen, wache auf, gehe ins Bad, schaue in den Spiegel und bekomme einen Schock. Ich bin noch immer geschminkt, als stünde ich mitten in der Quadrille des Philharmonikerballs.

Die Werbung wird ja auch immer raffinierter, da kommst gar nicht mehr nach mit nachfragen, ob das alles überhaupt stimmen kann oder gesund ist. Die 90er waren da auch nicht besser, muss ich sagen, da ist in einem Werbespot eine Frau im roten Kleid durch die Stadt spaziert, ist abrupt vor einem Spiegel stehen geblieben, hat zu sich gesagt: „Ich will so bleiben, wie ich bin!“, und eine Stimme aus dem Off hat wohlwollend in die Stadt reingerufen: „Du darfst!“ Wenn ich mich recht erinnere, bestehen Du-darfst-Produkte aus Wurst, Butter und Fertiggerichten. Hätte ich schon Geld verdient, ich hätte das alles natürlich stante pede leergekauft.

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2020)