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6000 Grabfunde

Woher kamen die Völker bei der Völkerwanderung?

Ein internationales Großprojekt unter österreichischer Leitung soll die „dunkle“ Völkerwanderungszeit beleuchten.

In einem internationalen Großprojekt wollen Wissenschafter unter Leitung des Wiener Historikers Walter Pohl die "dunklen Jahrhunderte" Ostmitteleuropas zwischen 400 und 900 n. Chr. beleuchten und ein Gesamtbild der Lebensverhältnisse während der Völkerwanderung und im Frühmittelalter schaffen. Dazu sollen Funde aus 6000 Gräbern erstmals genetisch, archäologisch und historisch analysiert werden.

Für das Projekt "HistoGenes" wurde im Herbst Walter Pohl, Historiker an der Universität Wien und Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), gemeinsam mit dem Genetiker Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Geschichte und Naturwissenschaften in Jena, dem Historiker Patrick Geary vom Institute for Advanced Study in Princeton und dem Archäologen Tivadar Vida von der Universität Budapest ein mit zehn Millionen. Euro dotierter "Synergy Grant" des Europäischen Forschungsrats (ERC) zugesprochen. An dem sechsjährigen Projekt, das Anfang April starten soll, werden rund 60 Wissenschafter direkt arbeiten und insgesamt 200 Forscher involviert sein.

Die Gegend, in der in Europa am meisten passierte

Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Genetik, Archäologie und Geschichte wollen die Forscher klären, woher die Völker der Völkerwanderung kamen und welche Spuren die Wanderungsbewegungen in den frühmittelalterlichen Gesellschaften Europas hinterlassen haben. Dazu sollen 6000 Grabfunde mit neuesten wissenschaftlichen Methoden analysiert werden. Sie stammen aus rund 100 Gräberfeldern vorwiegend "aus dem Karpatenbecken, also dem mittleren Donauraum zwischen Wien und Belgrad", sagte Pohl im Gespräch mit der Austria Presseagentur.

"Das ist in Europa die Gegend, wo in der Völkerwanderungszeit am meisten passiert, mit rund 20 Völkernamen wie Hunnen, Awaren, Goten, Slawen, Franken und Ungarn." Davon zeugen über 100.000 besonders gut erschlossene Gräber mit Grabbeigaben, aus denen die Wissenschafter rund 6.000 für ihre Analysen auswählen werden. Dazu kommen Vergleiche mit Gräbern aus Regionen, von denen Wanderungsbewegungen ihren Ausgang genommen haben könnten, etwa aus Sachsen, woher möglicherweise die Langobarden kamen.

Woher kam der Awarenkrieger?

Zwei Fragestellungen stehen bei dem Projekt, an dem von österreichischer Seite auch der Archäologe Falko Daim und Anthropologinnen des Naturhistorischen Museums (NHM) Wien beteiligt sind, im Vordergrund: "Wir wollen einerseits nachvollziehen, welche Auswirkungen die Wanderungsbewegungen, die ja auch schriftlich bezeugt sind, auf die Bevölkerung hatten und wie groß die Veränderungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung waren", so Pohl, der als Beispiel einen bestatteten Awarenkrieger nennt: Kam dieser als Angehöriger der awarischen Elite aus dem östlichen Zentralasien, oder schloss er sich auf ihrem Zug nach Westen dem Volk an, oder stammte er aus der Region, passte sich den neuen Herrschern an und kämpfte für sie?

Angesichts der Tatsache, dass in der Region hauptsächlich dörfliche Gräberfelder gefunden wurden, mit einigen Dutzend bis einigen Hundert Gräbern über mehrere Generationen, wollen die Forscher andererseits Fragen nach dem Alltagsleben in den kleinen Gemeinschaften klären: "Uns interessiert unter anderem, wie weit diese Leute miteinander verwandt waren, ob sie eher in der Gruppe geheiratet haben oder weiträumigere Verbindungen hatten, wie ihr Ernährungszustand war, ob sie Kämpfer waren oder körperlich schwer arbeiteten", sagte Pohl.

Alle Disziplinen sollen zusammenarbeiten

Zur Klärung dieser Fragen sollen verschiedene wissenschaftliche Methoden zum Einsatz kommen. "Das ist das erste Projekt, bei dem von Anfang bis Ende alle Disziplinen vertreten sind und gemeinsam Fragestellungen, Untersuchungsmethoden und -gegenstände beschließen", so Pohl. So können etwa Isotopenanalysen an Knochen und Zähnen Informationen über die Herkunft der rund 6000 untersuchten Individuen liefern. Die anthropologische Begutachtung der sterblichen Überreste gibt Auskunft über deren Ernährung, körperliche Arbeit oder Kampfverletzungen. Von der Untersuchung von Sedimenten in Seen erhoffen sich die Forscher Auskunft über die Klimageschichte und damit über die Vegetation und die Lebensbedingungen. Schließlich finden sich in Knochen und Zähnen noch genetische Spuren von Krankheitskeimen. Das könnte etwa Licht in die derzeit heftig diskutierte Frage über die Auswirkungen der Justinianischen Pest im 6. Jahrhundert bringen.

"Und schließlich werden wir darüber reden, wie man das ganze wieder in eine historische Erzählung übersetzt. Denn genetische Daten alleine können noch keine Geschichte erzählen", meinte der Historiker, der in der Vergangenheit immer wieder Kommunikationsprobleme zwischen Genetik und Geschichtsforschung wahrgenommen hat: "Viele Genetiker waren der Meinung, am besten auch gleich selbst die historische Interpretation ihrer Untersuchungen zu machen - da ist leider viel publiziert worden, bei dem man von historischer Seite die Nase rümpft."

Mehr Wissen über die „dunklen Jahrhunderte“ 

Als Ergebnis erhofft sich Pohl "neben vielen spannenden Ergebnissen, mit denen wir nicht gerechnet haben, wesentlich mehr Wissen über diese sogenannten 'dunklen Jahrhunderte', die Geschichte der Bevölkerung und ihrer Lebensumstände in dieser Zeit". Zudem sollte das Projekt als "best-practice-Beispiel" dazu führen, solche Untersuchungen nur mehr interdisziplinär durchzuführen. Und schließlich hofft er "mit sauberer wissenschaftlicher Arbeit den zunehmenden Tendenzen in vielen Ländern etwas entgegenzusetzen, die Genetik für den Versuch des Nachweises irgendwelcher nationaler Zugehörigkeiten politisch zu missbrauchen".

(APA)