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Wohnen am Land

So wird Wohnen außerhalb der Stadt wieder attraktiv

Ideen für Ortschaften: Der Verein Landluft will Baukultur fördern.
Ideen für Ortschaften: Der Verein Landluft will Baukultur fördern.(c) nonconform
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Was braucht es, um das Wohnen am Land wieder für mehr Menschen möglich und attraktiv zu machen? Über Regionalentwicklung und Baukultur.

Überfüllte Städte mit für viele kaum mehr bezahlbaren Mieten auf der einen, verwaiste Ortszentren in den Bundesländern und täglich neue Supermärkte mit Superparkplätzen auf der grünen Wiese auf der anderen Seite: Die Probleme der Regionalentwicklung haben in den Zehner-Jahren deutlich zugenommen, für das kommende Jahrzehnt werden die Herausforderungen aber gewaltig, sind sich die Experten einig. „Das Wechselspiel zwischen Orten, die zum Schlafraum werden, und den sogenannten Schwarmstädten und Schwarmregionen ist ein großes Thema, bei dem wir jetzt an einem Kipp-Punkt angekommen sind“, ist Peter Nageler, Gründer und Partner von nonconform, überzeugt. Dabei würden viele gern im Grünen wohnen, und in Zukunft vermutlich noch deutlich mehr, „denn Städte mit über 60 Hitzetagen werden im Vergleich zu nächtens abkühlenden Dörfern nicht mehr sehr lebenswert erscheinen“, sagt Nageler.

Aber dafür braucht es mehr als nur die Liebe zum Landleben, muss es Arbeitsplätze, eine ordentliche Schulausbildung in der Nähe und eine gute Baukultur geben. Leichter gesagt als getan: „Das Thema ist eine Querschnittsmaterie, ein ganzheitliches Problem, für das es eben kein Patentrezept gibt“, weiß Elisabeth Leitner, Professorin an der FH Kärnten im Fachbereich Architektur und Obfrau von LandLuft, dem Verein zur Förderung der Baukultur in ländlichen Räumen.

Vision und Leidenschaft

Eine Lösung kann dabei auch nicht nur von einer Gruppe allein angestrebt werden: „Nur in die Infrastruktur zu investieren bringt beispielsweise wenig, wenn keine Arbeitsplätze entstehen“, erklärt Nageler. Es gebe durchaus Orte mit 6000 Einwohnern und 200 KMU, „aber dafür braucht es Menschen, die Unternehmertum leben. Die kann man nicht einpflanzen, dazu braucht es Visionen und Leidenschaft. Und es gibt solche Orte, wo diese Menschen tätig sind“, betont der Architekt. Kommt entsprechende Baukultur dazu, ist man schon einen Schritt weiter, aber auch hier warnt Leitner: „Das ist ein komplexer Zugang. Das können nicht Architekten allein. Gute Baukultur hat mit mehr zu tun, braucht eine Zusammenarbeit zwischen den Gewerken und den richtigen Ort. Denn gute Baukultur am falschen Ort ist eben auch keine gute Baukultur“, sagt die Professorin. Vielmehr sei Vermittlungsarbeit nötig, bräuchten Verantwortliche gute Beispiele und ein Verständnis der Phase Null, der Auftragsvergabe an die Architekten mit der richtigen Aufgabenstellung.“

Dinge, die in der Hand der örtlichen Politik liegen, und oft daran scheitern, dass sich der Bürgermeister bald wieder der Wahl stellen und niemandem auf die Zehen steigen will. „In Gewerbegebieten könnte so viel sinnvoller und bodenschonender zwei- bis dreistöckig gebaut werden“, nennt Felizitas Baldauf, Cheforganisatorin des LandLuft Baukulturgemeinde-Preises und Expertin für Bodenpolitik in Österreich, ein Beispiel. „Aber weil diese Gebiete das Geld in die Gemeinden bringen, traut sich da niemand hinzugreifen.“

In die Infrastruktur zu investieren, bringt nichts, wenn Arbeitsplätze fehlen.

Neue Regelungen

Schön langsam greifen aber erste Veränderungen, die in der kommenden Dekade für Änderungen sorgen können. So werden etwa die Verantwortlichkeiten im Baurecht jetzt neu diskutiert, berichtet Leitner. „Dabei geht es darum, dieses von der Gemeinde- auf die Länderbene zu heben.“ Das werde oft so gesehen, als werde den Gemeinden und Bürgermeistern etwas weggenommen. „Ich sehe es aber vielmehr als Hilfestellung, die einerseits dazu dient, sozialen Druck aus dem Umfeld, dem die Bürgermeister und Bürgermeisterinnen ja immer auch ausgesetzt sind, wegzunehmen.“

Nageler sieht in dem Transformationsprozess, den viele Orte vor sich haben, ebenfalls eine Chance, sich mit der Ressourcenfrage, dem Klimawechsel, aber auch der Frage, wo man als Gesellschaft eigentlich hinwolle, auseinanderzusetzen. Er ist überzeugt davon, dass vieles möglich ist. Ein guter Ansatz, um wieder mehr junge Menschen für das Leben am Land zu begeistern, sei „Rurasmus“: „Das ist eine schöne Initiative, durch die junge Menschen ohne Verordnung die Orte wieder spüren lernen“, freut sich Nageler.

Gegründet von Leitner und nonconform-Gründer Roland Gruber, bietet die Initiative „Aufs-Land-Semester“ als Ergänzung zum etablierten Erasmus-Auslandssemester an, um künftige Leistungsträger für ein Leben außerhalb der großen Städte zu begeistern. „Darüber können beispielsweise Studierende der Medizin ein Semester statt in Barcelona in Knittelfeld verbringen“, nennt Leitner ein Beispiel. Und damit wieder ein Gespür dafür entwickeln, welche Karriereoptionen auch der ländliche Raum bietet.

Denn auch wenn der Trend derzeit noch in die Gegenrichtung Stadt geht, gibt es in Österreich immer mehr gelungene Beispiele erfolgreicher Regionalentwicklung. Zu begutachten sind diese unter anderem seit gut zehn Jahren auf der Plattform des LandLuft Baukulturgemeinde-Preis, auf der ausschließlich positive Beispiele präsentiert werden. „Da finden sich Gemeinden, in denen die Bodenpolitik im Mittelpunkt steht, Nachverdichtung vor Neuausweisungen gehen und nicht immer mehr gewidmet wird, die auf eine hohe Lebensqualität, regionale Wertschöpfung und Identität setzen“, berichtet Organisatorin Baldauf von den Ansprüchen, die die Preisträger erfüllen.

Zwischenwasser, Landluft-Preisträger. Der nächste Preis ist bereits ausgelobt.
Zwischenwasser, Landluft-Preisträger. Der nächste Preis ist bereits ausgelobt.(c) nonconform

Teilen ist die Zukunft

Auch Nagelers Büro kann inzwischen auf Erfolgsprojekte verweisen, die zeigen, was außerhalb der großen Städte möglich ist. Eines davon ist das Projekt „ein dorf für alle“ der Baugruppe B.R.O.T in Pressbaum, wo sich zehn nachhaltig gebaute Häuser in Holzbauweise um einen Dorfplatz gruppieren. Die 120 Bewohner teilen sich ein Gemeinschaftshaus mit Veranstaltungsraum, Küche, Aufenthaltsräumen und Gästewohnung und ziehen nach zwei Jahren eine durchwegs positive Bilanz: „Bei der Befragung der Bewohner sind wir immer wieder auf einen Begriff gestoßen: Teilen“, berichtet Nageler. „Das ist die Zukunft: Nicht jede Familie braucht ein Trampolin im Garten und ein eigenes Auto. 36 Familien haben hier eine Food-Coop gegründet, die auch in die Umgebung ausstrahlt: Wer Brot bäckt, bringt es, und inzwischen hat sich herumgesprochen, dass es auch super Butter und Milchprodukte gibt. Das klappt dort und schafft ein Angebot außerhalb des Konventionellen“, freut sich der Architekt.

In diesem wird heute wieder das gelebt, was Nageler als Kind am Land in Kärnten noch ganz selbstverständlich erlebt hat: aktive Nachbarschaftshilfe. Wie sich in bestehenden Strukturen positive Veränderungen umsetzen lassen, zeigt sich auch in einem nonconform-Projekt in Trofaiach, wo gemeinsam mit den Bewohnern und der Idee eines „Zentrumskümmerers“ der Leerstand in der Innenstadt erfolgreich bekämpft wurde.

Allerdings brauche es im kommenden Jahrzehnt ein größeres Bewusstsein für das Thema, betont Leitner. „Das beginnt schon beim Thema Autofahren und Häuslbau, wo nach wie vor am Land jede Familie ihr Einfamilienhaus neu bauen will.“ Es könne aber in den 20er-Jahren einiges bewegt werden: „Ich glaube, es wird zu mehr Zusammenschlüssen von Regionen und Entscheidungsträgern kommen, die diese Themen anfassen und es wagen, neue Wege zu gehen und in Modellregionen schauen, was passiert.“

Etwa, wenn sich nebeneinander liegende Gemeinden zusammentun und über die politischen Grenzen hinaus etwa Gemeinschaftspraxen für die medizinische Versorgung realisieren. Bei diesen interkommunalen Koopeationen könne auch die Immobilienwirtschaft helfen, sagt Gerald Gollenz, stellvertretender Fachverbandsobmann der Immobilien- und Vermögenstreuhänder. „Durch die Kenntnis der einzelnen Regionen können so richtige Akzente gesetzt und gemeinsam mit Politik und Wirtschaft einer schleichenden Entvölkerung ganzer Landstriche entgegenwirken.“

Wünsche für die 20er-Jahre

Peter Nageler: „Dass Mittel aus der Neubauförderung in die Bestandssanierung umgeleitet werden. Allein in Österreich stehen Gebäude auf der gewidmeten Fläche von 45.000 Hektar leer.“

Elisabeth Leitner: „Dass mehr Menschen die Größe haben zuzugeben, dass sie nicht alles alleine können. Wir brauchen nicht nur in der Kommunalplanung Experten von außen.“

Felizitas Baldauf: „Dass den Menschen und Entscheidungsträgern bewusst wird, dass Boden endlich ist und kein einziger ebenerdiger Parkplatz mehr errichtet wird.“

("Die Presse - Immo-Expert", Print-Ausgabe, 21.02.2020)