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Interview

Inge Schrattenecker: Nachhaltiges Bauen rechnet sich

Inge Schrattenecker.
Inge Schrattenecker.(c) Renate Schrattenecker-Fischer
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Das Bewusstsein, dass Immobilien ein Schlüsselbereich zur Erreichung der Klimaziele sind, ist angekommen. Die Ziele liegen auf der Hand, der Weg bleibt herausfordernd.

Mit dem Energieverbrauch und CO₂ -Ausstoß für die Herstellung von Baustoffen, das Heizen, die Instandhaltung und letztendlich auch den Abbruch von Gebäuden ist die Bau- und Immobilienwirtschaft für mehr als ein Drittel der gesamten Treibhausgasemissionen in Österreich verantwortlich. Wollen die Klimaziele erreicht werden, müssen ressourcenschonende Maßnahmen im Gebäudebereich dringend umgesetzt werden. Wie hierzulande dieser Weg gegangen wird, welche Herausforderungen es zu meistern gilt und warum Wirtschaftlichkeit und Energieeffizienz beim Bauen keine Gegensätze sein müssen, erklärt im Interview Inge Schrattenecker, stv. Generalsekretärin der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik, ÖGUT, und Leiterin des Programms klimaaktiv Bauen und Sanieren.

Beim Neubau oder der Sanierung eines Gebäudes werden nachhaltige Entscheidungen für die nächsten Jahrzehnte getroffen. Wie erfüllt die Bauwirtschaft die hohen Ansprüche in Sachen Klimaschutz, wo liegen die Herausforderungen?

Inge Schrattenecker: Die guten Nachrichten zuerst: Im Gebäudebereich wurden seit 1990 so viel Treibhausgasemissionen reduziert wie in keinem anderen Sektor. Im Regierungsprogramm ist der Ausstieg aus Öl und Gas für Raumwärme formuliert. Im nationalen Energie- und Klimaplan werden den Gebäuden – neben der Mobilität – die höchsten Potentiale zur Erreichung der Klimaneutralität zugeschrieben. Insofern ist das Bewusstsein, dass Immobilien ein Schlüsselbereich zur Erreichung der Klimaziele sind, angekommen. Trotz dieser Erfolge ist der Weg ein herausfordernder, auch wenn die Ziele auf der Hand liegen: Neubauten müssen so energieeffizient wie möglich errichtet werden. Der Restenergiebedarf muss mit erneuerbaren Energieträgern gedeckt werden. Und die Bestandsgebäude müssen rasch und qualitativ auf höchstem Niveau saniert werden. In der Sanierung sind die Herausforderungen besonders hoch, denn die Masse der Gebäude, die 2050 den Energiebedarf im Gebäudesektor ausmachen werden, ist bereits gebaut.

Der klimaaktiv-Gebäudestandard des Bundesministeriums für Klimaschutz (BMK) gilt als das europaweit erfolgreichste und anspruchsvollste Gütesiegel für nachhaltiges Bauen. Was macht den Standard aus?

Gebäude der Zukunft müssen vor allem eines können: Einen CO₂ -neutralen Betrieb gewährleisten. Die Kriterien des klimaaktiv-Gebäudestandards orientieren sich eindeutig an dieser Zielrichtung. Die Anforderung an die Energieeffizienz ist sehr anspruchsvoll. Es gibt klare Grenzwerte beim Heizwärmebedarf, für CO₂ -Emissionen und Primärenergiebedarf. 2017 haben wir mit dem weitgehenden Ausstieg aus Öl und Gas eine Weichenstellung für CO₂ -neutrale Gebäude gegeben. Im Jahr 2020 wird der Gebäudestand noch einmal nachgeschärft. Themen wie Klimawandelanpassung oder Speicherfähigkeit werden aufgenommen. Es geht um ein klares Zeichen punkto Dekarbonisierung.

Zur Person

Inge Schrattenecker studierte Raumplanung an der TU Wien und absolvierte unter anderem eine Ausbildung zur Mediatorin für den Umwelt- und Planungsbereich. Seit 2011 leitet Schrattenecker das Programm klimaaktiv Bauen und Sanieren. Seit 2015 ist sie stellvertretende Generalsekretärin der ÖGUT und seit 2018 Mitglied der Geschäftsführung der crowd4projects, eine Plattform für Crowdinvesting für besondere Projekte.

Welche konkreten Hilfestellungen bietet der Standard für Immobilienentwickler, Architektur- und Bauschaffende, Wohnbauträger, Wohnbauförderstellen der Bundesländer und generell alle, die ein Haus bauen, sanieren oder nutzen?

Reden wir von nachhaltigen und energieeffizienten Gebäuden, dann ist es wichtig, dass die Branche einen gesicherten, messbaren und transparenten Standard hat, der laufend weiterentwickelt wird, der nach dem Open Source-Prinzip frei und kostenlos verfügbar ist und für jede Gebäudekategorie zur Verfügung steht. Die Qualitäten beim klimaaktiv-Standard sind exakt definiert und wir veröffentlichen jedes Gebäude mit den wesentlichsten Kennwerten, im Sinne einer bestmöglichen Transparenz. Das System ermöglicht es Förderstellen, Gemeinden und Städten oder Bauträgern, bei ihren Bauvorhaben schon in der Ausschreibungsphase eine gewünschte Qualität einzufordern. Das schafft Orientierung für alle Baubeteiligten.

(c) Renate Schrattenecker-Fischer

Stichwort Umweltförderung: Wie sehen Sie dessen ökologische und wirtschaftliche Bedeutung für Österreichs Baubranche und was könnte noch verbessert werden?

Die Umweltförderung stellt Fördermittel für verschiedenste Bereiche wie Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Mobilität bis hin zur Forschung bereit. Den Umbau des Gebäudesektors unterstützt sie durch Förderungen im herausfordernden Feld der thermischen Sanierung. Der Sanierungsscheck hat über die Jahre unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt und die Anforderungen hinsichtlich thermisch-energetischer Qualität sukzessive angehoben. Die Baubranche hat davon profitiert. Egal welcher Fördertopf, eines scheinen sich für die Zukunft alle Investoren zu wünschen: mehrere Jahre geltende, gleichbleibende Förderbedingungen und aus meiner Sicht einen stärkeren Fokus auf umfassende Sanierungen.

Nachhaltige Gebäude stehen zunehmend im Fokus von Investmentfonds und Investoren, die ihre Anlagenpolitik nach ökologischen und ethisch-sozialen Kriterien ausrichten wollen. Wie kann man sie unterstützen und auf ihrem Weg motivieren?

Dass die Immobilienbranche und der Finanzmarkt das Thema nachhaltige Gebäude im Rahmen von Veranlagungsformen entdeckt hat, zeigt sich bei uns an vermehrten Nachfragen. Um hier Klarheit für Investoren zu schaffen, kooperieren wir eng mit dem österreichischen Umweltzeichen. Seit 2016 müssen Immobilien in Fonds, die das Umweltzeichen Nachhaltige Finanzprodukte (UZ 49) beantragen, die Kriterien von klimaaktiv erfüllen. Damit gibt es eine eindeutige Definition für die Nachhaltigkeit von Immobilien und das schafft für Bauträger und Immobilienentwickler Sicherheit. Dass die „Green Finance Agenda“ zunehmend auch in den Fokus der Politik rückt, unterstützt uns und ist wichtig für eine gemeinsame Definition von nachhaltigen Finanzprodukten.

Die steigende Nachfrage nach Wohnraum bei knapper werdenden Ressourcen erfordert auch neue Denkansätze bei der Siedlungs- bzw. Quartiersentwicklung? In welche Richtung geht es?

Setzen sich gegenwärtige Trends wie sinkende Haushaltsgrößen, höherer pro-Kopf-Verbrauch an Wohnnutzfläche und Bevölkerungswachstum fort, so bedeutet das einen erheblichen Zuwachs an Flächen- und Ressourcenbedarf. Ein notwendiger nächster Schritt ist die Optimierung von Siedlungen und Quartieren, wofür es seit 2019 einen klimaaktiv-Standard gibt. Mit diesem kann die Vernetzung von Gebäuden mit ihrer Umgebung in Bezug auf Versorgung, Mobilität, Nachverdichtung und sparsamem Bodenverbrauch beurteilt werden. Damit haben wir unser Portfolio um wesentliche Kriterien für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung erweitert.

An nachhaltigen Baumodellen und Technologien herrscht kein Mangel. Negativ wird von Kritikern der Kostenaspekt angesprochen. Können Energieeffizienz und Wirtschaftlichkeit Hand in Hand gehen, ist Energieautonomie auch kostengünstig möglich?

Das durchaus sehr kontrovers diskutierte Thema Kostenoptimalität begleitet die Branche schon sehr lange. Wichtig ist, dass der Fokus von den reinen Investitionskosten auf die Wirtschaftlichkeit im Lebenszyklus gerichtet wird. Dann zeigt sich, dass nachhaltiges Bauen sich rechnet. Ein Beispiel dafür ist das Modellvorhaben „KliNaWo“ 1 in Vorarlberg. Dort wurde ein gemeinnütziger Wohnbau im klimaaktiv-Gold-Standard errichtet. Zielvorgabe war, die Energieautonomie möglichst kostengünstig zu erreichen. Die Ergebnisse sind beeindruckend: Unterdurchschnittliche Errichtungskosten, eine Reduktion des Energiebedarfs sowie geringe Energiekosten für die Mieter. Solche Beispiele zeigen, dass Energieeffizienz und Wirtschaftlichkeit kein Widerspruch sind. Bald werden in Österreich 1000 klimaaktiv-Gebäude stehen. Mit jeder Finanzierungsform, jeder Größe und Nutzung. Kein einziges würde es geben, wenn es nicht wirtschaftlich vertretbar wäre.

Bauten in Zahlen

Wie viele Gebäude wurden österreichweit nach klimaaktiv-Standard deklariert? Wie hoch ist der Anteil von Wohnbauten bzw. Dienstleistungsgebäuden?
Wie sieht es nach Bundesländern aus?
Seit Etablierung des klimaaktiv Gebäudestandards wurden 863 Gebäude mit über 2,2 Mio. Bruttogeschoßfläche geplant und errichtet. Damit nimmt Österreich europaweit eine Spitzenposition bei der auf Klimaschutz und Energieeffizienz abzielenden Gebäudebewertung ein. Mit insgesamt 661 Wohnbauten dominiert diese Kategorie gegenüber den Dienstleistungsgebäuden. Wien, Tirol, Niederösterreich sind jene Bundesländer, wo ein stetiger Zuwachs passiert. Andere Bundesländer wie Kärnten holen auf - mit ein Grund dafür ist die Verknüpfung von klimaaktiv mit der Wohnbauförderung.
www.klimaaktiv.at/bauen-sanieren; www.klimaaktiv-gebaut.at

("Die Presse - Immo-Expert", Print-Ausgabe, 21.02.2020)