Marta Szopa im Wohnzimmer. Bücherstapel, Kerzen und Bilder sind in der gesamten Wohnung heimisch.
Wohngeschichte

Wohnen im Karmeliterviertel: Dachoase in der Leopoldstadt

Nach langen Jahren im Grünen schuf sich die weitgereiste Marta Szopa 2005-2011 eine Dach-Oase in der Leopoldstadt – samt Ethno-Design, Garten und Bibliothek.

Die Dachgeschosswohnung, die Marta Szopa mit ihrem Mann bewohnt, liegt in einem Wiener Zinshaus von 1860. Heute ein Künstler- und Hipster-Zentrum, hat das Karmeliterviertel eine bewegte Geschichte hinter sich. Vor 1670 war die „Mazzesinsel“ jüdisch besiedelt. Kaiser Leopold ließ 1670 das Ghetto räumen und zerstören, anstelle der Synagoge entstand die Leopoldskirche sowie die Vorstadt drumherum, die später dem gesamten Bezirk den Namen geben sollte.

Die innenstadtnahe Lage samt attraktiver und preislich günstiger Altbausubstanz führte ab den 1990er-Jahren zu einem vermehrten Zuzug junger, gebildeter und finanzkräftiger Bevölkerungsschichten, die das gesamte Viertel gentrifizierten. Das Karmeliterviertel ist heute eines, wenn nicht das Zentrum der Bobo- und Hipster-Kultur Wiens. „Es war auch die zentrale Lage, die für die Wahl der Wohnung ausschlaggebend war“, erzählt Szopa. „Den Karmelitermarkt haben wir praktisch vor der Tür und über die Salztorbrücke brauchen wir fünf Minuten zum Stephansplatz. Das Haus ist angenehm klein mit insgesamt neun Wohnungen. Die meisten werden von den Eigentümern selbst benutzt, was heutzutage eine Seltenheit ist."

 

Country Style in Weidling ... 


Dabei hatte die Familie davor fast immer in grünen Bezirken gewohnt.  Nach einigen Jahren im 19. Bezirk war das Ehepaar 1994, nach der Geburt der Tochter, nach Weidling gezogen, wo sie ein 100 Jahre altes Haus, in dem früher ein Pfarrer mit seiner Haushälterin gewohnt hatte, sehr behutsam restauriert hatten. „Damals war ich richtig verliebt in die englischen Country Style Häuser mit ihren Laura-Ashley-Vorhängen, offenen Kaminen, historischen Wandfarben, Tapeten und Vintage Möbeln und konnte mich beim Einrichten richtig austoben.“

Dazu kamen ein Obst-, Gemüse- und Kräutergarten, eine Veranda und alte Bäume. Eine ländliche Idylle. In der einem jedoch auch die Decke auf den Kopf fallen kann: „Als die Kinder aus dem Hause waren, wurde uns klar, dass wir uns nach einem Leben in der Stadt sehnen. Wir brauchten eine wohnliche Veränderung, um nicht als Vorstadt-Pensionisten zu enden.“

 

... weicht maskulinem Schwerz-Weiß in der Leopoldstadt


Ab 2003 suchten sie eine städtische Dachgeschosswohnung. „Obwohl wir das Wohnen im Altbau bevorzugen, mussten Abstriche gemacht werden. Nur eine Neubau-Wohnung würde uns eine Alternative zum Garten bieten. Fast zwei Jahre lang haben wir uns eine Riesenzahl an Wohnungen angesehen. Die meisten waren extrem schlecht konzipiert, mit vielen super-kleinen Räumen und zahlreichen Schrägen. Die vorhandenen Terrassen waren meistens auf dem Dach und von Küche oder Wohnzimmer schwer erreichbar.“

Eines Tages wurden sie von einer Immobilienmaklerin auf einen Rohdachboden  aufmerksam gemacht, der als Teil einer Konkursmasse versteigert werden sollte. “Wir haben an der Versteigerung teilgenommen und letztendlich mit der Nachricht, dass der Meistbietende abgesprungen sei, als Nummer zwei den Dachboden ergattert. Das war 2005, und so hat unsere Bau-Odyssee ihren Anfang genommen, die insgesamt sechs Jahre  gedauert und viel Nerven und Geld gekostet hat. „Da wir oft Besuch von den heute in England lebenden Töchtern sowie unseren Freunden bekommen, war es uns natürlich wichtig, dass genug Platz für alle vorhanden ist.“

Blick auf Bibliotheksleiter und Terrasse.
Blick auf Bibliotheksleiter und Terrasse.Doris Barbier

In die zweigeschoßige 220-m2-Wohnung gelangt man direkt mit dem hauseigenem Aufzug. Ein kleiner Flur mit Zugang zum innerem Treppenhaus führt nach oben, in die zweite Etage. Damit das Vorzimmer nicht zu eng und finster wirkt, wurde eine verglaste Schiebetüre eingebaut – so ist auch die 30 Quadratmeter große, begrünte Terrasse gleich beim Betreten der Wohnung zu sehen. Auf der gleichen Etage befindet sich ein großer Wohnraum mit zwei Schiebetüren, die direkt auf die Terrasse führen. Eine Spindeltreppe führt zwei Stockwerke höher: auf eine begrünte Dachterrasse, deren Aufstieg mit einem 360 Grad Wienblick auf Stephansdom, Prater und Kahlenberg belohnt wird. „Wir verbringen von März bis Oktober viel Zeit hier und gärtnern: Eine Oase mitten in der Stadt.“

Stillleben aus Reiseandenken.
Stillleben aus Reiseandenken.Doris Barbier

In der zweiten Etage wurde bewusst darauf verzichtet, direkt über dem Wohnraum auszubauen. Statt dessen wurde der Raum bis zur fünf Meter hohen Decke offen gelassen. Hoch oben auf den Regalen wurden auch die Bibliothek und die zahlreichen Bücherstapel untergebracht – die über eine eigene Leiter zu erreichen ist. Im Wohnzimmer befindet sich ein offener Kamin, Sammelplatz für Familie und Freunde an kalten und grauen Wintertagen. Auch bei der angrenzenden Küche wurde bewusst auf Türen verzichtet: die findet man generell nur in den Schlafzimmern und WC/Badezimmern. Unmittelbar vor der Küche wartet das Herzstück, ein großer Esstisch aus altem Eichenholz. „Obwohl es in der Küche eine Eßgelegenheit  an der kleinen Kochinsel gibt, wird bei uns meistens am Esstisch im Wohnzimmer gegessen." Ein schmaler Gang führt zum ersten der insgesamt drei Schlafzimmer, die beiden weiteren befinden sich in der oberen Etage. Von der offenen Galerie aus kann man das bunte Treiben im darunter liegenden Wohnzimmer überblicken.

„Der Umbau hat uns Nerven gekostet – schließlich wurde hier alles entkernt und neu gestaltet." Im Gegenteil zum Bauprojekt in Weidling, das ohne jegliches Drama über die Bühne ging, war der Dachgeschoßausbau fast die ganze Zeit von Turbulenzen gezeichnet. "Leider haben wir auch mit der Architektin keine gute Wahl getroffen. Sie war unzuverlässig. Genauso erging es uns mit den von ihr beauftragten Handwerkern. So haben wir im Laufe der Zeit fast die ganze Bautruppe austauschen müssen."

Die Galerie im Stiegenaufgang.
Die Galerie im Stiegenaufgang.Doris Barbier

Und obwohl Szopa an der Wohnung die zentrale Lage, die schönen Terrassen mit ihren Feigenbäumen und wuchernden Wisteria und das tolle Licht im Wohnungsinnerem besonders liebt, stören sie doch die Dachschrägen ein wenig - immer noch. „Dabei muss man sagen, dass wir es geschafft haben, ihre Zahl so minimal wie möglich zu halten.“ Beim Ausbau wurde sehr viel mit Holz gearbeitet – aus Geldmangel etwa günstiges Weichholz für den Bodenbelag. Wie in Skandinavien oder Großbritannien üblich, wurden die Holzbretter lackiert – in hochglänzendem Schwarz. Bei den Wandfarben mit kreidiger Mattierung fiel die Wahl auf die Marken Farrow & Ball und Little Green. Sie weisen einen bis zu 30 Prozent höheren Pigmenanteil auf und haben als Basis natürliche Zutaten wie Harze, Kreide und Leinöl.

Tempeltische und Reiskörbe

„Wir mögen schlichte, klare Formen und Farben, viel weiß, schwarz, alle mögliche Varianten von  grau. Mein Mann vertraut mir komplett, was das Einrichten und Dekorieren betrifft. Mein Einrichtungstil ist, vor allem durch den Einsatz von viel schwarz und grau, eigentlich maskulin und reduziert." Ein immer wiederkehrender und durchaus gewollter Stilbruch ist die Präsenz von vielen Mitbringseln von zahlreichen Reisen. „Ich sammle einfach gerne. Am liebsten Sachen, die ästhetisch ansprechend und ungewöhnlich sind, aber auch benützt werden können, Tempeltische oder Reiskörbe aus Burma beispielsweise.

Die Vorliebe für das Exotische und vor allem Orientale ist ein Relikt ihrer Kindheit in Ägypten und im Iran. „Ich liebe handgemachte Ethno-Textilien wie Ikats oder bestickte Stoffe aus der indischen Region Gujarat. Sie werden zu Kissen und Vorhängen umfunktioniert.“ Moderne Möbel sollen vor allem schlicht, aber mit Vintage-Stücken kombinierbar sein. Eine Biedermeier Vitrine steht im Badezimmer – statt Kristallgläser werden Waschtücher mit einer Sammlung alter Parfumflaschen aufbewahrt. Das absolute Lieblingsmöbel ist ein echter Designklassiker – der Womb Chair, der von Eero Saarinen im Jahr 1946 für Knoll designed wurde. „Die weit ausladende Sitzform lädt dazu ein, sich gemütlich hineinzukuscheln und stundenlang zu lesen.

Zum Ort, zur Person

Wiens 2. Bezirk, die Leopoldstadt, wurde 1670 von Kaiser Leopold nach der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung gegründet. Heute ist besonders die Gegend um den Karmelitermarkt beliebte Wohngegend. Eigentumswohnungen kosten hier zwischen 4963 (Bestand) und 6196 Euro/m2 (neu).

Marta Szopa wurde in Polen geboren, lebte im Iran und in Ägypten. Nach vielen Berufsjahren bei der UNO engagiert sie sich in der Firma ihres Mannes für innovative nachhaltige Produkte.