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Filmkritik

Hier ruft nicht die Wildnis, hier ruft die Zivilisation

Harrison Ford mit einem computeranimierten Hund, der an das Spiel „Nintendogs“ erinnert.
Harrison Ford mit einem computeranimierten Hund, der an das Spiel „Nintendogs“ erinnert.(c) Disney
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Ein Hund entdeckt seine Instinkte. Er lernt zu kämpfen, zu jagen, zu töten. Davon erzählt Jack Londons Klassiker „Ruf der Wildnis“ – ein neuer Disney-Film mit Harrison Ford in der menschlichen Hauptrolle macht daraus ein Moralstück über einen verwöhnten Bernhardiner.

Nein, „würdevoll“ ist dieser Buck schon einmal nicht. Und gut erzogen erst recht nicht. Mit der ganzen Wucht seiner über 100 Kilo stürmt er durchs Haus und nimmt dabei den Teppich und die eine oder andere Vase gleich mit. Was für eine Tollerei! Da muss das Herrchen ein bissl schimpfen, was freilich nicht viel nutzt: Beim großen Gartenfest am nächsten Tag reißt Buck die Schüssel mit den Truthahnkeulen von der üppig gedeckten Tafel – und mit ihr purzelt das restliche Geschirr auf den Boden. Pardauz, da liegen Saucen und Pasteten und Fleischstücke hübsch verteilt im Rasen, und Buck tut wieder einmal das, was er am besten kann: treuherzig dreinschauen.

So komisch beginnt „Ruf der Wildnis“, der neue Disney-Film – und wir erleben gleich das erste Missverständnis: Komisch ist bei Jack London nämlich rein gar nichts, kann es auch nicht sein, im Mittelpunkt seines Romans stehen schließlich die tiefsten Fragen jeder Kreatur: Wie überlebe ich? Wem traue ich? Wohin gehöre ich? Darum liest man Bücher wie „Ruf der Wildnis“ oder sein Gegenstück „Wolfsblut“ gern in jungen Jahren, wenn man sich selbst noch fremd ist und die Welt erst noch erobert werden muss.

Zweites Missverständnis: Der Roman handelt von der Macht der Natur. Als ihn das Schicksal nach Alaska verschlägt, lernt Buck zu kämpfen, zu jagen, zu töten. Er wird aus dem behüteten Haustierdasein gerissen und streift als Schlittenhund alles ab, was ihn die Zivilisation gelehrt hat. Er erkennt: Der Stärkste setzt sich durch. Er erfährt: Du musst stets wachsam sein. Dem Leithund des Rudels, seinem erbitterten Konkurrenten, zerfetzt er mit einem raschen Biss die Pfoten.

Im Film? Jagt Buck in Alaska einem Schneehasen hinterher – und als er ihn erwischt hat, lässt er ihn laufen! So süß, wie das Häschen ausschaut, will er ihm nichts zuleide tun. Von wegen Instinkte! Disney erzählt die Geschichte einer Domestizierung. Der verwöhnte und verzogene Bernhardiner, der nur an sich selbst denkt und keine Regeln kennt, wird im Laufe des Films zum nützlichen Mitglied der Gemeinschaft. Dazu gehört: solidarisch zu sein. Mitleid zu haben. Sich um andere zu kümmern.

Als Symbol für die Wildnis dient Chris Sanders ein schwarzer Wolf mit grotesk neongelb glühenden Augen, der immer auftaucht, wenn Buck in Not ist und jemanden braucht, der ihn zu Höchstleistungen anspornt. Also eine Art mentaler Trick zur Selbstoptimierung.

 

Grauenhaft animiert

Jetzt darf ein Regisseur natürlich aus einem Buch auch etwas ganz Eigenes machen. Wenn „Ruf der Wildnis“ als Verfilmung gescheitert ist – taugt Chris Sanders' Regiearbeit dann als Film? Die Moral ist in jedem Fall zu dick aufgetragen, das ist keinem Kind und auch keinem Erwachsenen zuzumuten. Vor allem aber arbeitet Disney nicht mit echten Hunden. „Der Film ist ein Mix aus Live-Action/Realfilm und CGI-Animationsfilm, der hochmoderne visuelle Effekte und Animationstechnologien nutzt, um die Tiere als fotorealistische und emotional authentische Charaktere darzustellen“, so der Pressetext. Das Ergebnis ist gruselig, so gruselig, dass man sich auch nach 105 Minuten nicht daran gewöhnt hat, derart falsch wirkt jede Bewegung der Tiere, derart seltsam vermenschlicht das Mienenspiel.

Als ob ein verzweifelter Hundeblick nicht herzerweichend genug wäre!
Da steht Harrison Ford auf verlorenem Posten. Er spielt die menschliche Hauptrolle, einen alten Mann, der seinen geliebten Sohn verloren hat und in die Einsamkeit Alaskas geflohen ist und von Buck gerettet wird: vor der Verbitterung. Und auch vor dem Alkohol. Die Beziehung von Mensch und Hund, das wäre durchaus ein Thema, doch auch davon bleibt hier nur: Kitsch, unterlegt mit an- und abschwellenden Geigenklängen und begleitet von Kameraschwenks über unberührte Natur. Und ja, die ist wenigstens sehenswert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2020)