Südafrika: Schule als Schutz vor dem Leben da draußen

Suedafrika Schule Schutz Leben
(c) Lilly Maier

Wie es abseits der WM wirklich zugeht, konnten Schüler der w@lz erfahren. In Ithuba fehlt es an so ziemlich allem. Es gibt zu wenig Lehrer, fast keine Schulbücher, in manche Klassenzimmer regnet es rein.

Johannesburg. Er weint nicht. Er redet auch nicht. Er sitzt einfach nur stumm da. Sein linkes Auge ist so zugeschwollen, dass er nichts mehr damit sehen kann, seine Stirn ist ein einziger roter Bluterguss. Lucky ist neun Jahre alt. Seit einer Stunde hält ihn meine Freundin im Arm. Heute Früh ist er so in die Schule gekommen. Verprügelt – von seiner Mutter oder seinem großen Bruder, von wem genau traut er sich nicht zu sagen. Wir nehmen ihn aus der Klasse heraus und legen einen Eisbeutel auf seine Stirn, bei genauem Hinsehen kann ich die zahlreichen Narben früherer Verletzungen sehen. Lucky redet nicht. Wir glauben, dass er kein Englisch kann. Dann kommt mir eine Idee: Ich hole meine Kamera heraus und frage den Kleinen, ob er damit Fotos machen will – und plötzlich taut er auf! Ein Foto nach dem anderen schießt er: von mir, von meiner Freundin, von seiner Schule Ithuba. Und auf einmal redet er auch, englisch wie wir, und als wir mit ihm die Baustelle nebenan anschauen gehen, lächelt er das erste Mal. Es ist meine zweite Woche in Ithuba.

Das Ithuba Skills College liegt nahe Johannesburg in einer der ärmsten Gegenden Südafrikas. Die private Schule wurde 2008 von dem Wiener Grün-Politiker Christoph Chorherr gegründet und wird durch Spenden aus Europa finanziert. Ithuba – der Name bedeutet „Möglichkeit“ auf Zulu – ist ein Ort, an dem Afrikaner und Europäer gemeinsam lernen. Ein Ort voller Begegnungen. Da ist Regina, die heute ihren 21. Geburtstag feiert. Vor sechs Jahren kam sie als Flüchtling aus Mozambique nach Südafrika und musste hier wieder ganz von vorn beginnen. Oder Talent Innocent, der mich immer zum Lachen bringt und später einmal Toningenieur in Kapstadt werden will. Oder Jane, die zusammen mit sieben anderen in einem „Shack“ aus nur zwei Räumen lebt, aber mit keinem tauschen wollen würde, „weil es sonst viel zu langweilig wäre“. 145 Schüler in fünf Klassen. Und mittendrin ein Haufen Europäer: Schüler, Studenten und Architekten. Die meisten kommen aus Österreich und Deutschland; manche bleiben wie ich und meine Klassenkameraden aus der w@lz für ein paar Wochen, andere ein halbes Jahr. Die einen bauen mit den Schülern gemeinsam ihre Schule, wir unterrichten. In der Volksschule genauso wie im Gymnasium, auch wenn sie dort teilweise älter sind als wir. Mathe, Englisch, Sexualkunde – Hilfe ist in allen Fächern mehr als willkommen.

 

Ungläubige Österreicher

„Später will ich einmal nach Österreich fliegen!“, erzählt mir der 18-jährige Talent eines Nachmittags nach dem Unterricht. „Ich will sehen, wo all diese Leute herkommen, die hier in Ithuba mit uns arbeiten.“ Am nächsten Tag lasse ich meine Schüler in Englisch Aufsätze über ihre Vorstellung von Österreich schreiben. „I think, in Austria it's too cold“, schreibt der 17-jährige Lucky Bandoa. „The people in Austria don't believe in God. Everyone has a cellphone and a computer. And in Austria everyone knows how to swim and there is less crime.“ Und außerdem ist in Österreich alles viel billiger als in Südafrika, meint Lucky. Warum sonst könnten wir uns alles leisten und er nicht?

In Ithuba fehlt es an so ziemlich allem. Es gibt zu wenig Lehrer, fast keine Schulbücher, in manche Klassenzimmer regnet es rein. Bisweilen findet der Unterricht sogar in der Wiese statt.

In Ithuba fehlt es an so ziemlich allem – nach europäischen Maßstäben. Denn im Vergleich zu anderen schwarzen südafrikanischen Schulen sind die Zustände paradiesisch: Klassen mit höchstens dreißig Schülern (die benachbarte Schule Montic unterrichtet 400 Schüler in nur vier Klassen!), motivierte Lehrer und ein Unterrichtsmodell, das selbst in Europa Seltenheit genießt.

Schule in Ithuba bedeutet aber nicht nur Bildung, Schule in Ithuba bedeutet auch Schutz. Schutz vor der Welt „draußen“. Es ist sicher in Ithuba. Der Unterricht dauert bis 16 Uhr, weit länger als in den öffentlichen Schulen. „Manche Leute meinen, es ist langweilig, den ganzen Tag in der Schule zu sein, aber für mich ist es gut“, erzählt die Sechstklässlerin Regina. „So kommt man nicht in Schwierigkeiten.“ Und sollte es einmal vorkommen, dass jemand bis nach Einbruch der Dunkelheit in der Schule bleibt, wird er mit dem Auto heimgefahren.

Fußball ist in Ithuba immer ein Thema. Ausnahmslos alle Jungs in den unteren Klassen wollen später einmal Profifußballer werden. Und jetzt gibt es auch noch die WM! Jane und ihre Freunde freuen sich, „weil so viele Menschen nach Südafrika kommen.“

Viele Touristen brauchen viele Hotels und lassen viel Geld hier – alles gute Dinge. Aber je älter die Schüler werden, mit denen ich rede, desto gemischter sind auch die Gefühle. Die WM ist eine tolle, aufregende Sache, da sind sich alle einig – so lange nichts schief geht! „Ich mache mir manchmal Sorgen“, erzählt Regina. „Es sind hier schlimme Dinge passiert und ich will nicht, dass so etwas während der WM passiert. Vor zwei Jahren hatten wir große Unruhen und jetzt kommen all diese Menschen aus der ganzen Welt. Das ist toll, aber ich will nicht, dass sie heimgehen und sagen, sie wollen nie wieder nach Südafrika kommen. Ich will, dass sie heimgehen und wieder kommen wollen!“

 

Gospel-Gottesdienste und Tänze

Seit drei Wochen bin ich jetzt in Südafrika und die meiste Zeit unterrichte ich fünf Jungs aus der Sechsten. Sie gehören zu den fleißigsten und besten Schülern von Ithuba – am Ende des Semesters werden sie die Schule verlassen und dürfen eine hochbegehrte Elektrikerlehre beginnen. Trotzdem übe ich mit drei von ihnen die meiste Zeit das kleine Einmaleins. In ihren früheren Schulen sind die Lehrer an den großen Klassen gescheitert und so verstehen meine Jungs zwar kompliziertere Rechengänge, scheitern aber an der Ausführung. Nach zwei Wochen sind wir soweit, dass keiner mehr 56 Striche aufs Papier malt, statt 7 x 8 im Kopf zu rechnen.

Obwohl ich ihre Lehrerin bin, ist unklar, wer hier von wem mehr profitiert. Dafür, dass wir Europäer nach Ithuba kommen und helfen, machen die Menschen uns zu einem Teil ihrer Welt. Sie übertragen uns ihr Lebensgefühl, ihre Verbundenheit zur Erde, die Fähigkeit, in den Tag hinein zu leben. Sie lassen uns an ihren mitreißenden Gospel-Gottesdiensten teilnehmen und bringen uns ihre Tänze und Lieder bei. Die südafrikanische Nationalhymne, ein Widerstandslied aus der Apartheid-Zeit, kann ich jetzt besser als meine eigene. Am Tag vor meiner Abreise rede ich noch ein letztes Mal mit Nat Emanuel, der immer mein stillster Schüler war. Sein Weltbild hat sich durch Ithuba geändert: „Ich habe immer gedacht, die Schwarzen sind die, die hart arbeiten, aber jetzt weiß ich, dass ich mich geirrt habe. Die Weißen können genauso hart arbeiten wie wir.“

Ngikhumbula e Southafrica.

Ich vermisse Südafrika.

AUF EINEN BLICK

Das Projekt der w@lz:
Drei Wochen lang wurden die Schüler zu Lehrern und unterrichteten 145 Kids in einem schwarzen Township nahe Johannesburg.

Die Autorin: Lilly Maier ist 18 Jahre alt und besucht die vorletzte Klasse der w@lz.

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