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Karriere mit Behinderung

"Menschen mit Behinderung wollen aus der Mitleidsecke"

Karriere mit Behinderung: Die Plattform Myability.Jobs will Menschen mit Behinderung neue Karrierechancen bieten.
Karriere mit Behinderung: Die Plattform Myability.Jobs will Menschen mit Behinderung neue Karrierechancen bieten.(c) REUTERS/EDGARD GARRIDO
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Diese Woche ging die neue Karriereplattform Myability.Jobs für Menschen mit Behinderung online. Co-Founder Wolfgang Kowatsch erklärt im „Presse"-Interview, warum es eine solche braucht, welche Aspekte er im Regierungsprogramm gut findet und worum es bei der aktuellen „Zero Project Conference“ in Wien geht.

„Die Presse“: Diese Woche ging die neue Myability-Jobplattform online, die es ja schon seit Jahren gibt. Was genau ist nun neu?
Wolfgang Kowatsch: Wir haben keine neue Jobbörse gegründet, sondern die bereits seit vielen Jahren etablierte Plattform erweitert und das Thema Karriere zur Jobbörse hinzugeholt, weshalb wir das ganze auch Karriereportal nennen.

Inwiefern unterscheidet sich diese nun von einer normalen Jobbörse?
Etwas Vergleichbares gibt es in dieser Form nirgendwo in Europa. Neben den klassischen Jobstellen haben wir versucht, eine wertvolle Umgebung zu schaffen, die es Menschen mit Behinderung ermöglicht, einen noch erfolgreicheren Karriereweg einzuschlagen. Es gibt vier Säulen: Zum einen geben wir Karrieretipps mit auf den Weg, bieten Vorlagen für Bewerbungen und Lebensläufe und informieren über Veranstaltungen. Die zweite Säule lässt Menschen mit Behinderung zu Wort kommen, damit wollen wir Role Models zeigen und Mut machen. Das dritte ist, dass wir Unternehmen präsentieren, mit denen wir arbeiten, was für die Bewerber sehr relevant ist. Und viertens haben wir auch ein sehr erfolgreiches Talenteprogramm für Studierende, das wir nach München, Berlin, Zürich, Frankfurt und Hamburg ausgerollt haben. Da wollen wir Talente auch über die Plattform mit Unternehmen zusammenspannen.

Wieso braucht es diese spezielle Plattform?
Menschen mit Behinderung nehmen leider noch immer oft eine Bittstellerrolle ein. Wir wollen das ändern: Menschen mit Behinderung machen Karriere und sind wertvolle zukünftige Mitarbeiter. Der eine kommuniziert die Behinderung im Bewerbungsprozess, der andere nicht. Mit dem Karriereteil kann ich Bewerbern nun Tools in die Hand geben, damit es nicht nur um den einzelnen Job, sondern um eine Karriere mit Behinderung geht. Wir wollen Menschen mit Behinderung dabei unterstützen, denn sie wollen aus der Mitleidsecke kommen.

Das können herkömmliche Jobportale nicht erfüllen?
Aktuell ist es so, dass die Jobbörsen generell immer weniger genutzt werden und nicht mehr ausreichen, einen selbstbewussten Weg einzuschlagen.

Auf einen Blick

Die Karriereplattform Myability.Jobs richtet sich an Menschen mit Behinderung und Unternehmen, die barrierefreie Jobs anbieten. Derzeit finden sich dort rund 200 Jobs von 40 unterschiedliche Unternehmen. Im Mai will diese auch nach Deutschland expandieren.

Die Zero Project Conference im Wiener International Center findet noch bis 21. Februar statt. 2008 erstmals von der Essl Foundation initiiert, will diese eine internationale Plattform zur Diskussion über Barrierefreiheit und Inklusion geben. Rund 500 Teilnehmer aus 70 Ländern werden zur dreitägigen Konferenz erwartet.

Damit meinen Sie Social Media?
Eher ein Netzwerk- und Contentumfeld wie etwa Linkedin oder Xing. Die nehme ich als HR-Experte als wichtigen Recruiting-Kanal wahr. Einerseits erfüllen diese eine soziale Funktion und helfen beim Vernetzen, andererseits bieten sie auch Jobangebote und Unternehmenespräsentation spielen eine Rolle. Dort wollen wir uns orientieren.

Wie viele Unternehmen bieten Jobs auf Ihrer Plattform an?
Insgesamt waren es in den letzten drei Jahren 200 verschiedene Unternehmen, die rund 6000 Jobs online angeboten haben. Aktuell sind es ca. 400 und 30 bis 40 Unternehmen. Im Jahr 2019 hatten wir 60.000 Besucher, die auf unserer Seite Jobs gesucht haben.

Was erwarten Sie sich von der Plattform?
Was Österreich betrifft, wollen wir die Reichweite verdoppeln, also doppelt so relevant und doppelt so groß werden und auch noch mehr Menschen mit Behinderung abholen, die sich für ihre Karriere interessieren. Es gibt für bestimmte Zielgruppen bereits ein gutes Angebot, wir wollen das aber für alle Zielgruppen bieten. Mittelfristiger Horizont ist der gesamte der deutschsprachige Raum. Im Mai gehen wir damit nach Deutschland.

Derzeit findet in Wien die jährliche „Zero Project Conference“ statt, die Probleme rund um gesellschaftliche Barrierefreiheit und Inklusion thematisiert. Worum genau geht es dort?
Das „zero“ steht für „keine Barrieren“, also der Frage, wie man die bestehenden Barrieren möglichst schnell beseitigen kann. Denn nicht die Behinderung ist das Problem, sondern die Barrieren, die um die Menschen herum existieren und ihre Teilhabe verhindern. Die Konferenz gibt es schon seit vielen Jahren und widmet sich in einem Vierjahreszyklus einem anderen Thema, heuer ist es das Thema inklusive Bildung und Ausbildung. Weltweit ist das die größte Konferenz zum Thema Barrierefreiheit und Inklusion.

In der Öffentlichkeit aber hört man kaum etwas darüber.
Innerhalb der Community ist sie bekannt, darüber hinaus geht es in die richtige Richtung. Am Dienstag wurde die Konferenz zum ersten Mal von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka im Parlament eröffnet. Das war der inoffizielle Auftakt zur Konferenz. Das hat mich sehr gefreut, dass das endlich gelungen ist. Ich dachte, im Plenarsaal würden dann eine Hand voll Leute sein, aber wie ich in den Saal gekommen bin, war kein Sitzplatz mehr frei, das war richtig schön, dass dieses Thema im höchsten Haus im Land so einen hohen Stellenwert hat. Das finde ich ein total wichtiges Signal an die Öffentlichkeit.

Denken Sie, dass das mit der neuen Regierung zusammenhängt, dass diesem Thema politisch mehr Beachtung geschenkt wird?
Da würde ich sagen, ja, absolut. Ich finde, dass derzeit ein guter Moment ist, das Thema noch vertiefter anzugehen. Da merkt man in der Regierung eines gesteigertes Interesse, weil offener damit umgegangen wird als die Jahre davor.

Wie beurteilen sie das Regierungsprogramm im Bereich Inklusion und Barrierefreiheit?
Absolut positiv. Es wurden viele Punkte, die lange gefordert wurden, zum ersten Mal, zumindest teilweise, festgehalten. Es gibt ein paar spannende Themen, die uns sehr freuen, wie die stärkere Sensibilisierung der Unternehmen. Aber dennoch glauben wir, dass es noch mehr Mut bedarf.