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Feminismus-Label wird salonfähig

Durchaus modern, dennoch fremdgesteuert: 1976 entstand das Foto dieser „Hampelfrau“ der 2018 bereits verstorbenen Künstlerin Brigitte A. Roth.
Durchaus modern, dennoch fremdgesteuert: 1976 entstand das Foto dieser „Hampelfrau“ der 2018 bereits verstorbenen Künstlerin Brigitte A. Roth.Estate Brigitte Roth/Sammlung Verbund, Wien
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Die Ausstellung „Feministische Avantgarde“ aus Österreich zeigt nicht nur einige Neuentdeckungen, sondern auch eine Erweiterung zu Skulptur und Grafik.

Es ist eine Art schräges Ritual: Jedes Jahr, wenn der Verbund in seinem Firmensitz am Wiener Hof die jährliche Ausstellung aus seiner hervorragenden Sammlung „Feministische Avantgarde“ präsentiert, kommt die Frage an das jeweils anwesende Vorstandsmitglied: „Wie viele Frauen sitzen im Vorstand des Energiekonzerns?“ Leider keine, antwortete diesmal Michael Strugl. Frauen hängen hier traditionell eher an Wänden, als auf Vorstandssesseln zu sitzen – was durchaus den Charakter einer subversiven Intervention hat.

Bereits seit 16 Jahren baut Gabriele Schor diese ungewöhnliche Firmensammlung auf, die mittlerweile beachtliche 600 Werke von 78 Künstlerinnen aus Österreich, aber auch international umfasst, inklusive Schlüsselwerke von Stars wie Cindy Sherman oder Valie Export. Aus zwei Gründen ist es die sicher erfolgreichste Firmenkollektion Österreichs: erstens durch eine klug geplante, seit zehn Jahren laufende internationale Tournee (im Sommer gastiert man in New York). Zweitens kunsthistorisch, prägte doch Schor für die versammelte Pioniergruppe feministisch arbeitender Künstlerinnen der 60er bis 80er den Begriff „Feministische Avantgarde“. So wird man ihm etwa als Terminus im Österreich-Überblick der neu eröffnenden Albertina Modern begegnen.

Viele Künstlerinnen waren vergessen

Auch die heurige Sonderausstellung in der Verbund-Zentrale ist den österreichischen Vertreterinnen gewidmet. Mehr als die Hälfte der 16 ausgewählten Künstlerinnen hatten sich zur Eröffnung am Dienstag versammelt. Ein schöner, durchaus sentimentaler Moment – mussten doch viele dieser Generation nach ihrem mutigen, durchaus beachteten Aufbruch in den Anfangsjahren des Feminismus in Österreich lange Durststrecken erleben. Schor, erzählen sie, war (abgesehen von den durchgehend rührigen Vertretern der Kunstsektion der Stadt Wien) die Einzige, die sie besuchte, sich nach ihren Werken auf den Dachböden erkundigte.

Eine gewisse Genugtuung, zumindest ein wenig späte Aufmerksamkeit zu erreichen, ist spürbar. „Triumphe“ sehen aber wohl anders aus. Sie sehen aus wie Renate Bertlmann, die neben Galionsfigur Valie Export Einzige, die einen solchen erleben darf. Die 76-Jährige startete in den vergangenen Jahren eine tatsächlich internationale Karriere. Ab heute ist ihre vorjährige Biennale-Venedig-Installation einer roten Glasrosen-Armee, aus deren Blüten scharfe Messer ragen, im üppig barock ausgemalten Carlone-Saal des Oberen Belvedere zu sehen.

Nicht ihre subtilste, nicht ihre stärkste Arbeit, muss man sagen, vor allem wenn man im Verbund vor ihren Signatur-Werken aus den 70er- und 80er-Jahren steht: Ihr Spiel mit weiblichen und männlichen Genitalformen in Latex, in Performance, in Fotografie kann um einiges sinnlicher, ja beunruhigender sein, als es in glänzendem Muranoglas in Reih und Glied daherkommt.

Bemerkenswert an dieser Verbund-Ausstellung ist eine Reihe neuer Ankäufe weniger bekannter Künstlerinnen (etwa die „Hampelfrau“ der 2018 verstorbenen Brigitte Roth). Aber auch die Öffnung der bisher auf neuere Medien wie Fotografie, Video, Performance konzentrierten Strategie. So finden sich jetzt auch Anti-Barbie-Skulpturen von Gerda Fassel, Holzschnitte von Auguste Kronheim oder Tuschezeichnungen von Lotte Profohs unter dem Label „Feministische Avantgarde“ ein. Auf gutes Auskommen!

Feministische Avantgarde Made in Austria, bis 6. Juni, Besichtigung nach Voranmeldung unter 05031350044.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2020)