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Alltägliche Diskriminierung

Stereotype am Arbeitsplatz: „Die hat wohl ihre Tage!“

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Aus aktuellem Anlass, weil Vorurteile und Stereotype derzeit sowohl rassistische Konflikte befeuern (Stichwort George Floyd) als auch den Zorn der LGBTQ-Community entfachen (Stichwort J.K.Rowlings Zitat „Women are People who menstruate“). Weil man selbst ja alles richtig machen will.

„Toll, wie Sie das machen – in Ihrem Alter!“ „Dein Deutsch ist echt super!“ „Die hat wohl ihre Tage!“ Drei Aussagen, eine Botschaft: Du bist anders. Du bist alt/Ausländer/Frau, du gehörst nicht zur herrschenden Klasse. Ja, das tut weh. Obwohl es doch gar nicht, nein, ganz sicher nicht böse gemeint ist.

Das Gemeine an dieser alltäglichen Diskriminierung ist, dass sie eine stacheldrahtgespickte Trennlinie zwischen einer In-Gruppe und einer Out-Gruppe zieht. Der Sprecher empfindet sich als „drinnen“, er teilt Merkmale und Ansichten mit der privilegierten Gruppe. Er fühlt sich „größer“. Von dieser (vermeintlich) höheren Position spricht er zum anderen „herab“. Dieser gehört nicht zur In-Gruppe, steht also „tiefer“.

Blondinenwitze

In diese Kategorie fallen auch Scherze auf Kosten anderer. Blondinen, Burgenländer, Beamte: Indem man sich über sie lustig macht, erhöht man sich selbst. Lachen der Adressat oder seine Sympathisanten nicht mit, schimpft man sie Spielverderber. Lachen sie mit, bestätigen sie das Stereotyp.

Eine Möglichkeit steht noch offen: zu covern, wie die Psychologen sagen. Covern heißt, Teile seiner Identität zu verbergen, um sich nicht angreifbar zu machen: der Schwule, der sich nicht outet; der Abstinente, der Termine vorschiebt, um nicht mit auf ein Bier gehen zu müssen; der Tätowierte, der immer lange Ärmel trägt: Sie alle verbergen, wer sie wirklich sind.

Mütter sind wahre Meisterinnen im Covern. Wenn sie im Job nicht über ihre Kinder reden, hoffen sie, werden sie weiterhin als voll leistungsfähig wahrgenommen. Doch leider, gerade bei Müttern schlagen Diskriminierungs-Stereotype voll zu. Hetzt eine Mutter zum Kindergarten, bleibt beim Chef „Geht früher“ hängen. Dass sie schneller gearbeitet hat und längst fertig ist, kommt ihm nicht in den Sinn. Ist eine Mutter nicht am Arbeitsplatz, vermutet sie jeder daheim bei den Kindern. Ist ein Mann nicht am Platz, ist er wohl in einem Meeting.

Doppelfallen überall

Stereotype haben zwei Komponenten. Die deskriptive beschreibt, wie Frauen und Männer angeblich sind. Die präskriptive schreibt ihnen vor, wie sie sein sollen. Für Frauen eine Doppelfalle: Der wohlmeinende Chef will ja seiner Mitarbeiterin ermöglichen, so Mutter zu sein, wie Frauen es wollen – und agiert so, wie er glaubt, dass sie es wollen. Deshalb schlägt er sie nicht für die Beförderung vor, weil es ihr doch peinlich sein müsste abzulehnen. Er fragt sie nicht einmal.

Auch Väter kämpfen gegen präskriptive Stereotype. Von einem jungen Vater wird erwartet, dass er sich so richtig in die Arbeit hineinhängt, weil er ja jetzt eine Familie versorgen muss. Auch deshalb greift die Väterkarenz nur zögerlich. Nach einem anderen Modell profitieren Männer per se. Ein „richtiger“ Mann, so wird erwartet, strahlt Kompetenz und Durchsetzungsfähigkeit aus; eine „richtige“ Frau Wärme und Fürsorglichkeit. Die nächste Doppelfalle: Will sich eine Frau als Führungskraft durchsetzen, schlägt ihr Widerstand entgegen, weil sie vom sozialen Skript abweicht: Durchsetzung ist kein weibliches Attribut. Will sie aber mit Wärme und Fürsorge führen, passt das auch wieder nicht: Von Führungskräften erwartet man Durchsetzungsstärke.

Für Männer hingegen gibt es einen Königsweg. Ein Mann muss zuerst kompetent sein, aber das gesteht man ihm ohnehin zu. Bringt er auch noch ein wenig menschliche Wärme ins Spiel, hat er schon gewonnen: Der wahre Held, so die landläufige Meinung, ist kompetent und menschlich. Für Frauen gilt das leider nicht.

Buchtipp zum Thema:
Veronika Hucke: „Fair Leadership“
Campus-Verlag
222 Seiten
24,95 €

("Die Presse", Printausgabe vom 22. Februar 2020)