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Die Bilanz

Sektorkopplung: Die Stolpersteine auf dem „Klimapfad“

Fehlender Netzausbau: Wie bringt man den Windstrom aus der Nordsee in den Süden?
Fehlender Netzausbau: Wie bringt man den Windstrom aus der Nordsee in den Süden?(c) APA/AFP/PAUL ELLIS (PAUL ELLIS)
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Die EU kann ihre Klimaziele durch umfassende Elektrifizierung von Verkehr, Industrie und Gebäuden sogar übertreffen, sagt eine Studie. Dazu braucht es aber bessere Netze – und interessanterweise mehr fossile Kraftwerke.

Lassen sich die ambitionierten neuen Klimaziele der EU, etwa eine Reduktion der CO2-Emissionen um 55 Prozent bis 2030 (gegenüber 1990), erreichen? Ja, sagt eine Studie, die das Researchunternehmen Bloomberg NEF gemeinsam mit dem norwegischen Energiekonzern Statkraft und dem irischen Energiemanagementunternehmen Eaton erarbeitet hat. Bis 2030 ist eine Reduktion um 63 Prozent erreichbar, bis 2055 sogar eine um 86 Prozent.

Möglich könnte dies durch umfassende Sektorkopplung, also durch weitgehende Elektrifizierung nicht nur des Verkehrs, sondern auch der Industrie und der Gebäude werden. Allerdings: „Zero Emission“ ist damit noch nicht erreicht. Denn einige Sektoren im Verkehr und in der Industrie lassen sich nicht so einfach elektrifizieren. Und der gigantisch steigende Strombedarf macht nicht nur eine zügige Verdopplung der Solar- und Windstromkapazitäten notwendig, sondern auch einen Ausbau der fossilen Strom-Erzeugungskapazitäten – hauptsächlich Gas. Nur so könnte, wie es in der Studie heißt, die Flexibilität des Systems erhalten bleiben.

Soll heißen: Die gewaltige Steigerung der Solar- und Windkapazitäten (beide zusammen sollen 2050 für 95 Prozent der Stromerzeugung sorgen) benötigt große Back-up-Kapazitäten, weil der Wind eben nicht immer weht und die Sonne nicht immer scheint. Speichertechnologien zur Überbrückung dieser Schwankungen (Batterien, Power-to-Gas etc.) würden bis dahin zwar enorme Fortschritte machen und auch preislich konkurrenzfähiger werden, aber ganz ersetzen können sie fossile Back-up-Kapazitäten offensichtlich nicht.

Die weitgehende Dekarbonisierung der EU hätte also den interessanten Effekt, dass sie zumindest in der Anfangsphase mit einer Steigerung der CO2-Emissionen der E-Wirtschaft einhergehen könnte.
Im Verkehr erwartet die Studie gewaltige Umwälzungen: Bis 2050 würde die direkte Elektrifizierung (in Form von E-Autos) 85 Prozent der von Pkw und leichten Transport Lkw benötigten Energiebedarf umfassen. Der E-Anteil im gesamten Verkehrssektor wäre dann freilich erst bei 56 Prozent. Denn im Langstrecken-Güterverkehr, im Luftverkehr und in der Schifffahrt seien die Einsatzmöglichkeiten der batteriebasierten Elektromobilität eher sehr begrenzt.

Problematisch sehen die Studienautoren auch die CO2-Verminderung in Teilen der Industrie: Dort, wo sehr hohe Temperaturen notwendig sind, etwa in der Stahl-, Chemie- und Zementerzeugung, sind die Elektrifizierungsmöglichkeiten bescheiden. Dort wären eher CO2-Abscheidungs- und Speicherungstechnologien angebracht, heißt es in der Studie. Denn diese Sektoren werden auch 2050 noch zu 40 Prozent von fossilen Energieträgern abhängig sein.
Relativ groß ist das Senkungspotenzial laut Studie in der Gebäude-Energieversorgung, wo derzeit in den mittel- und nordeuropäischen Ländern sehr viel mit Erdgas geheizt wird. Hier sieht die Studie viel Potenzial bei Biogas und (mithilfe von Ökostrom hergestelltem) Wasserstoff.

Insgesamt, so heißt es, könnte der Anteil der fossilen Energieträger in den Sektoren Verkehr, Gebäude und Industrie in den nächsten dreißig Jahren von derzeit rund 80 auf 20 Prozent zurückgehen. Das wäre ein gewaltiger Erfolg.
Der aber keineswegs sicher ist. Denn Sektorkopplung ist erstens noch kein breit akzeptiertes politisches Ziel und erfordert zweitens eine Reihe von politischen Lenkungsmaßnahmen, von denen man nicht sicher sein kann, dass sie auch wirken.

Ein schönes Beispiel dafür ist die angepeilte Elektrifizierung des Pkw-Verkehrs, die trotz hoher staatlicher Förderungen in vielen Ländern absolut nicht in die Gänge kommt. Deutschland hat beispielsweise sein Ziel, 2020 eine Million E-Autos auf den Straßen zu haben, trotz umfangreicher Subventionen ganz dramatisch verfehlt. Auch in Österreich führen E-Autos ein mickriges Nischendasein, vor allem private Käufer lassen völlig aus.