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Junge Forschung

Linguistische Landschaften

Julia Sonnleitner beschäftigte sich bereits mit Erinnerungspraktiken der jungen Generation in Südafrika. Nun hat sie Kriegsgeflohene im Fokus.
Julia Sonnleitner beschäftigte sich bereits mit Erinnerungspraktiken der jungen Generation in Südafrika. Nun hat sie Kriegsgeflohene im Fokus.(c) Ksenia_Yurkova
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Die Sprachwissenschaftlerin Julia Sonnleitner will wissen, mit welchen Medien sich junge Menschen neue Sprachen aneignen. Zuvor erforschte sie Erinnerungen am Zentralfriedhof.

Es gibt das alte Sprichwort, dass der Zentralfriedhof zwar nur halb so groß sei wie Zürich, aber dafür doppelt so lustig. Julia Sonnleitner lacht und sagt: „Bei lustig weiß ich es nicht, aber für mich ist der Zentralfriedhof wahnsinnig interessant.“ Sie hat Sprachwissenschaft und Kultur- und Sozialanthropologie an der Uni Wien studiert und sich für ein Forschungsprojekt – finanziert von der Stadt Wien – auf Europas zweitgrößtem Friedhof herumgetrieben.

„Hier liegen drei Millionen Menschen begraben, viel mehr als es in Wien Lebende gibt. Einerseits sieht man Erinnerung im öffentlichen Raum, andererseits kann jeder einzelne Mensch das Grab selbst gestalten“, sagt Sonnleitner, die sich stark mit Mehrsprachigkeit beschäftigt. „In Wien werden etwa 100 Sprachen gesprochen, aber visuell abgebildet sieht man viel weniger.“ Der Friedhof macht die „Linguistic Landscape“ gut sichtbar. Wo sonst findet man georgische oder aramäische Inschriften? „Obwohl das barock angelegte Gelände strikt die Sektionen trennt, findet man eine starke Durchmischung der Erinnerungspraktiken“, berichtet Sonnleitner. Als Beispiel nennt sie die Gipsengerln und ähnliche Figuren, die ursprünglich mit südeuropäischen Einwanderern nach Wien kamen und heute auf fast jedem Grab zu finden sind.

 

Eine Person ist nie weg

„Bei den Gesprächen mit Menschen neben den Gräbern kommt man schnell auf die Biografien der begrabenen Personen. Denn nichts auf dem Grab ist zufällig, alles hat eine Bedeutung.“ So konnte Sonnleitner die Geschichte seit der Zeit der Donaumonarchie bis heute erforschen, mit ihren Fluchtbewegungen und Migrationen nach Österreich und aus Österreich hinaus. „Bei all der Vielfalt läuft es stets auf eines hinaus: dass die Person, die hier begraben liegt, sozial erhalten bleibt. In der anthropologischen Perspektive ist eine Person nie weg, sondern im sozialen System für die Menschen immer noch da.“

2011 zog Sonnleitner für ihre Dissertation ein Jahr nach Südafrika, wo sie aus sprachwissenschaftlicher und anthropologischer Sichtweise erkundete, wie Jugendliche, die zur Zeit der ersten demokratischen Wahlen geboren wurden, heute zur Apartheid stehen – als Teil ihrer Familiengeschichte. Wie wird Erinnerung weitergegeben, bei Südafrikanern, die als Weiße, Schwarze oder „Coloureds“ klassifiziert wurden? „Für die Interviews bin ich auch in die Townships gefahren, von denen es hieß, dass man dort gleich erschossen wird“, sagt Sonnleitner. Aber sie fand Möglichkeiten, sicher zu den Gesprächspartnern zu kommen, und es ergaben sich Freundschaften, die bis heute halten. „Die Annahme, dass jede ,race‘ eine andere Erinnerung über die Zeit der Apartheid weitergibt, hat sich in meiner Forschung nicht bestätigt. Vielmehr habe ich eine Vielfalt gefunden, wie Erinnerungen an diese traumatische Vergangenheit familiär weiterleben.“ Es war nicht von der Hautfarbe abhängig, ob Jugendliche das Gefühl hatten, die Apartheid hätte bis ins kleinste Detail der Ehe der Großeltern hinein gewirkt oder ihre Vorfahren wären von der sogenannten Rassentrennung nie betroffen gewesen.

Aktuell hat Sonnleitner, die dazwischen auch bei der Caritas Wien gearbeitet hat, das Projekt „Language in Motion“ begonnen, finanziert vom Wissenschaftsfonds FWF. Am Institut für Sprachwissenschaft der Uni Wien erforscht sie nun, welche Rolle Medien spielen, wenn man sich sprachliche Ressourcen aneignet. „Meine Zielgruppe ist die Generation, die mit ihren Eltern als Kind vor dem Krieg in Jugoslawien geflohen ist.“ Welche Medien waren wichtig, um mit Verwandten im alten Zuhause oder in anderen Ländern Kontakt zu halten und welche halfen, neue Netzwerke in Österreich aufzubauen? Die Forschung zur „Medien-Ideologie“ fragt dabei, welches Medium man zu welchem Zweck wählt, sei es die Telefonzelle, um seine Liebsten zu hören, oder ein SMS, um Beiläufiges zu besprechen. Sonnleitner selbst versucht sich derzeit über den Streamingdienst Netflix die in ihrer Familie nicht weitergegebene Sprache Kroatisch anzueignen, mit der Serie „Novine“ („The Paper“), die in Rijeka spielt.

ZUR PERSON

Julia Sonnleitner wurde 1983 in Salzburg geboren und studierte an der Uni Wien Russisch, Sprachwissenschaft sowie Kultur- und Sozialanthropologie. Sie untersuchte vielsprachige Erinnerungen am Zentralfriedhof und ist Mitglied der Forschungsplattform #YouthMediaLife an der Uni Wien. Ihr aktuelles Hertha-Firnberg-Projekt vom FWF – „Language in Motion“ – läuft bis 2023.

Alle Beiträge unter: diepresse.com/jungeforschung

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2020)