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Am Herd

Junge und alte Mütter

Vermutlich kommt ein Kind, das man sich wünscht, immer zur rechten Zeit.
Vermutlich kommt ein Kind, das man sich wünscht, immer zur rechten Zeit.(c) imago images/Westend61
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Hannah trifft ihre Schulfreundin. Sie hat ein Baby. Über junge Mütter, alte Mütter – und meine Mama, die mich bekommen hat, als sie gerade einmal 20 war.

Klingelingeling. Das Handy läutet. Dran ist meine Tochter und will wissen, was ein vier Monate altes Baby so versteht. „Wenig“, sage ich. „Was heißt wenig?“ – „Na ja, fast nichts.“ – „Das heißt, ich kann fluchen, wenn es dabei ist?“ – „Mhm.“ – „Es ist also nicht schlimm, wenn mir ein fuck herausrutscht?“ „Gar nicht“, antworte ich und frage nach, warum sie das plötzlich interessiert. Und so erfahre ich, dass Hannah am Nachmittag ihre Freundin aus der Unterstufe wiedersieht, und dass die in der Zwischenzeit geheiratet und ein Kind bekommen hat.

Mit 20! Mit 20, denke ich, ist man doch selbst noch nicht ganz ausgebacken. Da lernt man erst, wie man ein Ikea-Regal zusammenbaut und Lasagne kocht, füllt seinen ersten Meldezettel aus und kauft sich vielleicht einen Staubsauger. Wenn man verreist, übernachtet man in Jugendherbergen, neue Freunde findet man an jeder Ecke, und wenn man feiert, ist immer wer zu betrunken, und hoffentlich ist man das nicht selbst. Man hat Zeit: Umwege zu gehen, Fehler zu machen. Und weil man eben noch keine Kinder hat, sind diese Umwege und Fehler auch nicht schlimm.


Physik-Witze. Ich denke an Hannah, die bald ausziehen wird und mich zweimal täglich anruft, weil sie Rat wegen der Einrichtung ihrer Küche braucht. Die von Prüfung zu Prüfung lebt, von Protokoll zu Protokoll, von Praktikum zu Praktikum – und wenn sie dazwischen einmal Zeit hat, lädt sie ihre Studienkollegen zu einer Pizza-Party ein und lacht über Physik-Witze, die ich nicht verstehe. Ich denke an mich in dem Alter: Damals lebte ich in einer Untermietwohnung mit Klo am Gang, diskutierte nächtelang mit Freunden über Semiotik und die Mobilisierung der werktätigen Massen, ernährte mich von Brot und Käse, und schnitt mir die Haare selbst, weil ich kein Geld für den Friseur ausgeben wollte. Ein Mann, von dem ich Kinder hätte bekommen wollen, war noch lang nicht in Sicht. Und geraucht habe ich auch.


Lesebrille. Aber wo ich schon dabei bin, denke ich auch an meine Mutter: Sie war nämlich 20, als ich geboren wurde, und das kam mir gar nicht komisch vor. Komisch waren für mich Eltern, die schon ein paar graue Haare hatten oder eine Lesebrille brauchten. Komisch waren für mich die Mütter, die jeden Sonntag einen Kuchen buken. Meine Mama war so jung, manchmal hielt man sie für meine Schwester, das fand ich toll, und dass sie studierte, fand ich noch viel toller. Wer hatte das schon!

Ich weiß also nicht, ob es gut oder schlecht ist, eine junge Mutter zu haben. Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, eine alte Mutter zu haben. Vermutlich kommt ein Kind, das man sich wünscht, immer zur rechten Zeit.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

www.diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2020)