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Gift im Grundwasser: Arsen tötet Bangladesch

Gift Grundwasser Arsen toetet
Wasser(c) AP (Pavel Rahman)
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Jeder fünfte Todesfall kommt von dem Gift im Grundwasser, das Tumore und Herzleiden bringt. Die WHO bestätigte bereits 2004: Das Ausmaß dieses Umweltdesasters stellt auch Bhopal und Tschernobyl in den Schatten.

Zehn Millionen Brunnen – mit Handpumpen – wurden in den 70er-Jahren von Hilfsorganisationen in Bangladesch gebohrt, um die Bevölkerung, die ihr Trinkwasser aus Flüssen und Seen bezog, von den Plagen, die dieses Wasser brachte, zu befreien: Cholera und Diarrhöen. Die Hilfe war nicht überall willkommen – manche hielten das Wasser für „Wasser des Teufels“ –, aber sie wirkte, die Krankheiten durch kontaminiertes Wasser gingen stark zurück.

Ende der 80er-Jahre schlug der Segen in Fluch um, ein neues Leiden kam, das erst die Haut zerfraß und dann – mit verschiedenen Tumoren – den ganzen Körper. Dass das vom Grundwasser kam, setzte sich erst langsam durch, 2004 bestätigte die Weltgesundheitsorganisation WHO, es handle sich um die „größte Massenvergiftung einer Population in der Geschichte“: „Das Ausmaß dieses Umweltdesasters übertrifft alle früheren und stellt auch Bhopal und Tschernobyl in den Schatten.“ Das Desaster ist Arsen, es ist aus natürlichen Gründen im Grundwasser. Das ist es anderswo auch, in Teilen der USA etwa und in Taiwan, aber nirgends so wie in Bangladesch und im angrenzenden Westbengalen (inzwischen hat es sich auch in anderen Flussdeltas Südostasiens gezeigt).

 

Krebs zerfrisst Haut und Körper

Aber anders als in den USA, wo viel gemessen wird, hatte man das Wasser nicht auf Arsen getestet, deshalb dauerte es so lange, bis das Problem überhaupt ins Bewusstsein kam. Dort blieb es in engen Zirkeln: Ein paar Ärzte interessierten sich für die Gesundheitsfolgen, ein paar Chemiker – unter ihnen eine Grazer Gruppe um Walter Kosmus – um die Ursache des Arsens im Grundwasser. Die große Politik hatte andere Sorgen, die großen NGOs blieben stumm: Bilder von Händen und Füßen, die von chronischer Arsenvergiftung gezeichnet sind, sind wenig kampagnentauglich.

So konnte das Gift seine Wirkung tun: Jeder Fünfte, der heute in Bangladesch stirbt, stirbt an Arsen. Das ist der Befund der bisher sorgfältigsten Studie – Health Effects of Arsenic Longitudinal Study (Heals) –, die zehn Jahre lang das Schicksal von 12.000 Bangladeschern aufzeichnete: Alle zwei Jahre wurden die Arsengehalte im Brunnenwasser und die im Urin mit der Sterbestatistik verglichen: Bei der Gruppe mit den höchsten Arsengehalten (über 150 Mikrogramm pro Liter) schnellten die arsenspezifischen Tode – Tumore von Haut, Blase, Lunge, auch Herzkrankheiten – um 70 Prozent hoch. Aber auch dort, wo die Grenzwerte Bangladeschs (50 mg/l) oder die der WHO (10 mg/l) eingehalten wurden, zeigte sich ein dosisabhängiger Effekt.

„Es braucht gemeinsame Anstrengungen, um Millionen Menschen Sicherheit zu bringen“, appelliert Heals-Mitarbeiter Joseph Graziano (Columbia University). Aber man weiß nicht einmal, um wie viele Millionen – Leben – es geht: 33 bis 77 (von 125) Millionen Bangladeschern trinken Wasser des Teufels, in ganz Südostasien 140 Millionen.

Abhilfe ist schwer, man hat ein paar tiefere Brunnen gebohrt, auch in der untersuchten Region. Dort ging das Arsen im Urin zurück. „Das ist die gute Nachricht“, kommentiert Margaret Karagas (Dartmouth). „Die schlechte ist, dass die Todesfälle nicht zurückgehen.“ Das braucht wohl Jahrzehnte. In denen wird das nächste Problem wachsen: Es gibt erste Zeichen dafür, dass Erwachsene erkranken, weil sie als Föten im Mutterleib Arsen ausgesetzt waren (The Lancet, 23.6.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2010)