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Gastbeitrag

Weiße Wand: Was fehlt, wenn das Kreuz fehlt?

(c) Peter Kufner
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Das Kreuz ist mehr als ein kulturelles Zeichen. Gedanken zur Verbannung religiöser Symbole aus dem öffentlichen Raum.

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Das Kreuz ist für manche ein anstößiges Symbol, das mit schöner Regelmäßigkeit heftige Debatten hervorruft. Wir stehen seit Längerem in einem Wandel von einer christlichen Monokultur zu einer religiös pluralen Gesellschaft. Dabei wächst auch die Konfession der Konfessionslosen. Das mag nicht allen gefallen, aber es ist ein religionssoziologisches Faktum. Und wir müssen damit umgehen lernen. Aus dem Chor der Stimmen ragen zwei Extreme heraus.

Die einen votieren für das Entfernen religiöser Symbole aus dem öffentlichen Raum, als würde erst deren Verbannung den gesellschaftlichen Frieden garantieren. Die anderen beschwören das Kreuz als Kultur- und Geschichtssymbol. Beides greift zu kurz.
Der erste Vorschlag, den ich die Politik der weißen Wand nennen möchte, hat eine laizistische Schlagseite. Er betont die negative Religionsfreiheit zulasten der positiven. Weiße Wände, leere Räume – soll das die Antwort auf die religiöse Verbuntung der Gesellschaft sein?

Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse, ehemals Präsident des deutschen Bundestags, hat 2018 beim Dies facultatis der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Wien die These vertreten, dass der weltanschaulich neutrale Staat sich falsch versteht, wenn er die Verbannung religiöser Symbole aus dem öffentlichen Raum betreibt. Der Staat gibt rechtlich den Rahmen vor, in dem sich religiöse Bekenntnisse öffentlich artikulieren können. Solange religiöse Akteure sich an das Recht halten, sind sie staatlich nicht einzuschränken, zumal der säkulare Staat von Ressourcen lebt, die er selbst nicht hervorbringen kann.

Nun sollen Kreuze in staatlichen Krankenhäusern erst gar nicht aufgehängt werden. Sie könnten Anders- und Nichtgläubige diskriminieren, lautet das Argument. Das provoziert Gegenfragen: Müssen sich Anders- oder Nichtgläubige durch Kreuze diskriminiert fühlen? Wie soll die Leerstelle gefüllt werden? Mit esoterischen Ersatzsymbolen, die keine Tradition haben und kaum zu denken geben?

 

Diskriminiert durch Kreuze?

Hier setzen die Stimmen ein, die das Kreuz als Sinngaranten der österreichischen Kultur verteidigen. Sie wollen die Anbindung an die christliche Herkunft symbolisch repräsentiert sehen, weil sie darin Wertressourcen für die Zukunft erblicken. Eine ideologiekritisch geschulte Theologie wird allerdings unruhig, wenn ausgerechnet die Politik als Schutzmacht christlicher Symbole auftritt. Soll das Kreuz hier zur Verteidigung des „christlichen Abendlands“ missbraucht und für eine bestimmte Identitätspolitik funktionalisiert werden? Das Kreuz sprengt diesen Rahmen. Es ist mehr als ein kulturelles Zeichen.

Das Kreuz ist Anstoß. Es macht sichtbar, was gern verdrängt wird. Es gibt das Leid, den Schmerz und den Tod. Die Erinnerung daran ist gerade in Spitälern hilfreich. Wie oft verschleiern Ärzte durch elaborierte Vokabulare ihren Patienten den wahren Zustand, weil sie meinen, dieser sei nicht zumutbar. Das Kreuz sagt: Wahrheit ist zumutbar. Statt sie in Zonen des Schweigens abzudrängen, muss sie ausgesprochen werden – schon um der Kranken willen.

Das Kreuz ist Spiegel. Es zeigt: Wir machen Fehler und brauchen Vergebung. Statt Vergeltung zu fordern, hat der Gekreuzigte seinen Peinigern verziehen. In einer Gesellschaft, in der alle perfekt sein wollen, ist das eine heilsame Provokation. Wir sind nicht perfekt. Aber wir verschleiern uns das – und sind Virtuosen darin, es nicht gewesen zu sein. Das läuft fast immer darauf hinaus, es andere gewesen sein zu lassen. Dieser Unschuldswahn ist pathologisch. Das Kreuz unterbricht ihn – und befähigt zu einer Kultur der Vergebung, die wir alle brauchen, um neu anfangen zu können.

 

Das Kreuz als Spiegel und Trost

Das Kreuz bietet Trost. Dafür haben wir fast die Sprache verloren. „Nur der leidende Gott kann helfen“, hat Dietrich Bonhoeffer geschrieben, bevor er hingerichtet wurde. Die Pointe christlicher Kreuzestheologie ist, dass sie Gott nicht nur in Kategorien der Stärke buchstabiert. Paradox gesprochen: Gott ist so stark, dass er auch schwach sein kann, er ist nicht apathisch, sondern hat sich in der Passion auf die Seite der Leidenden gestellt.

Das Kreuz ist Zeichen des Lebens. Auf die Nacht des Karfreitags folgt das Licht von Ostern – mit der Botschaft: Der Gekreuzigte lebt! Diese Hoffnung mag vielen unerschwinglich sein. Aber die Sehnsucht, dass unser Leben nicht im Abgrund des Nichts versinkt, sondern rettend aufbewahrt wird, bricht gerade in Grenzsituationen des Leidens auf. Das Kreuz sagt: Das Leben ist stärker als der Tod.

Diese Sinngehalte scheinen heute mehr und mehr zu verblassen. Das müsste den Kirchen einen Ruck geben. Alle, nicht nur Kleriker, auch bzw. vor allem Laien müssten unter der Asche der Gewohnheiten die Glut des Evangeliums neu entdecken. Soll das, was Generationen Orientierung im Leben und Sterben gegeben hat, heute etwa nichts mehr bedeuten?
Dabei ist nicht zu vergessen, dass die Kirche selbst Anteil am Plausibilitätsverlust des Glaubens hat. Immer wieder in der Geschichte hat sie das Kreuz als Herrschaftssymbol missbraucht. Eine aufgeklärte christliche Religionskultur weiß darum. Sie wird schon deshalb jeden Triumphalismus vermeiden, gerade im Gespräch mit Juden, Muslimen und Agnostikern.

 

Leben ist stärker als der Tod

Allerdings ist der Dienst an den Kranken selbst aus einer Kultur der Barmherzigkeit erwachsen, die dem Evangelium Entscheidendes verdankt. Das hat um 1900 ein agnostischer Intellektueller klar gesehen, der protestierte, als der liberale Säkularismus die Kreuze aus den Spitälern Uruguays entfernen wollte.

José Enrique Rodó (1871–1917) hatte ein waches Gespür dafür, dass etwas fehlt, wenn das Kreuz fehlt. Neben abstrakten Ideen, in denen sich eine Moral ausdrückt, brauche es sprechende Symbole, um eine Passion für moralische Wahrheiten freizusetzen. Im Kreuz sah er ein Modell für Mitleid und Hingabe, das auch Anders- und Nichtgläubigen etwas sagen kann.

 

Akzeptanzverlust des Kreuzes

Rodós einstiger Vorstoß gibt bis heute zu denken und wirft immer wieder die Frage auf, ob eine Politik der weißen Wand wirklich zielführend ist. Liefe sie nicht letztlich auf eine Privilegierung der Religionslosen hinaus? Dem gesellschaftlichen Akzeptanzverlust des Kreuzes aber darf nicht durch politische Maßnahmen gegengesteuert werden. Das würde die weltanschauliche Neutralität des Staates verletzen.

Für den Glauben zu werben, ist Sache der Kirchen. Statt in anpassungsbeflissener Selbstsäkularisierung die Kreuze nun ebenfalls abzuhängen, könnten Schulen und Spitäler in kirchlicher Trägerschaft ihr Profil schärfen. Sie sollten den Geist christlicher Compassion bewusst pflegen, der im Symbol des Kreuzes seinen dichtesten Ausdruck findet. Das käme am Ende allen zugute.

Der Autor

Jan-Heiner Tück (* 1967 in Emmerich, Nordrhein-Westfalen) ist Leiter des Instituts Systematische Theologie und Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien an. Er schreibt seit 1999 regelmäßig Gastbeiträge für die „NZZ“; zahlreiche Publikationen, verheiratet und vierfacher Vater, lebt in Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2020)