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Venedig

„Oh!“ Das ist einmal die beste Biennale-Wahl

Ausgewählt zum idealen Zeitpunkt ihrer Karriere: Knebl/Scheirl, Dienstag bei der Pressekonferenz.
Ausgewählt zum idealen Zeitpunkt ihrer Karriere: Knebl/Scheirl, Dienstag bei der Pressekonferenz.(c) APA/GEORG HOCHMUTH
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Die Künstlerinnen Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl werden 2021 den Österreich-Pavillon in einen ihrer bunten, retroschicken, schimmernden, flauschigen, jedenfalls supersinnlichen „Begehrensräume“ verwandeln.

Es lag aber auch so etwas von in der Luft. Triggern die Künstlerinnen Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl doch mit ihrer queeren, multimedialen, supersinnlichen Kunst – als Duo, aber auch solo – zurzeit ziemlich alle Sensorien, die im Gegenwartskunstbetrieb lange Ahs und Ohs hervorrufen. „Oh . . .“ hieß daher auch nicht von ungefähr die spektakulär freche Sammlungs-Neuaufstellung, die Knebl, 1970 in Baden bei Wien geboren, vor drei Jahren dem Wiener Mumok bescherte. Man könnte sagen, es war der institutionelle Durchbruch dieses Power-Couples der gerade in Wien so starken queeren, feministischen Kunstszene.

Es ist also kein Zufall, dass Scheirl/Knebl jetzt ausgerechnet mit Mumok-Direktorin Karola Kraus als Kommissärin – so werden die sozusagen geschäftsführenden Länder-Kuratoren der Biennale Venedig genannt – für Österreich in diesem Eurovisionscontest der bildenden Kunst antreten. Diese von der „Presse“ schon zuvor gehegte Vermutung hat gestern, Dienstag, Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek bei einer Pressekonferenz bestätigt (wollte dabei aber nichts über Kraus' Verbleib an der ausgeschriebenen Mumok-Spitze verraten). Insgesamt wohl einer der erfreulicheren Termine der Neo-Kulturpolitikerin, konnte sie sich bei ihrer Entscheidung doch auf eine Ausschreibung und Kommission verlassen. Entschied bisher der jeweilige Kulturminister noch eigenhändig über den Kunstbeitrag, wurde jetzt ein „transparenter Prozess“ eingeführt, bei dem sich auch 60 Projekte beworben haben. Lunacek folgte aber offensichtlich dem ungereihten, aber mit einer „starken Präferenz“ weitergegebenen Dreiervorschlag der Jury (u. a. Jasper Sharp vom KHM, Hemma Schmutz vom Lentos, Künstler Erwin Wurm).

 

Titel: „Invitation of the Softmachine“

Was zu einer seit Tagen andauernden „Schockstarre vor Glück“ führte, ein, wie Knebl vermittelte, nicht unbedingt nur angenehmer Zustand. Immerhin müssen die beiden aber nicht erst jetzt ein Projekt für nächsten Sommer 2021 aus dem Hut zaubern, es ist in den Grundzügen nämlich schon fertig, inklusive Arbeitstitel: „Invitation of the Softmachine and her angry Bodyparts“. Hier klingt schon alles an, was die Installationen der beiden, wie zuletzt ihr großer Erfolg bei der Biennale Lyon, so auszeichnet. Es sind üppig aus Mode, Malerei, Möbeln und weichen Puppen arrangierte Einladungen, in eine andere Welt einzutauchen. Eine theatrale James-Bond-Welt mit wilden Girls und, wenn schon, sanften Boys, aber trotzdem mit viel Glamour. Auf dem ausladenden Siebzigerjahre-Jet-Bett vom Flohmarkt liegt hier dann eben keine dünne Blondine, sondern einzelne Körperteile und Genitalien, die der lebensgroßen Lederpuppe, die danebensteht, abgefallen zu sein scheinen. Oder sind sie nur abgelegt, sind es ausgebreitete Accessoires, die sonst an goldenen Ketten von anderen Puppenkörpern baumeln? So zu sehen bei der noch bis 28. März laufenden Ausstellung von Knebl in der Galerie Georg Kargl in der Schleifmühlgasse. Sie gibt einen guten Eindruck, was in Venedig zu erwarten ist.

Sicher diese schönen, glasierten Keramik-Gesichter, die Knebl für ihre Figuren so gern verwendet. Sicher auch die schematisch-naiven Teppichbilder, die sich über Wände und Böden ziehen können. Und sicher auch keine falsche Scham, auch nicht vor Komplizenschaft mit anderer Kunst, auch historischer – im Lentos hat Knebl ebenfalls gerade eine Raum-Intervention aus der Sammlung des Hauses laufen.

„Oh!“ ruft Scheirl so gespielt empört dazwischen, dass man sofort das echauffierte „Oh!“ von Komiker Louis de Funès erkennt. Seine Ja-nein-oh!-Dialoge spielten Knebl/Scheirl für ein Video ihres Lyon-Biennale-Beitrags nach, jetzt ebenfalls in der Galerie Kargl zu hören (und sehen). Dieses lustvolle, kindliche Spiel mit den Tabus, die wir unserem binären Geschlechterverständnis verdanken, zieht sich durch beider Werke.

 

Scheirls Film „Dandy Dust“ lockte viele

Scheirl, 1956 in Salzburg geboren, ist dabei die Grande Fatale. Seit ihrer Zeit als Filmemacher in London in den 1970er Jahren gilt sie als Ikone der queeren Szene, vor allem ihr Transgender-Film „Dandy Dust“ ist Kult und lockte viele Junge aus der ganzen Welt an die Akademie der bildenden Künste, wo Scheirl „Kontextuelle Malerei“ unterrichtet. 2017 war sie mit ihren Bildern bei der Documenta 14 vertreten, ihre nächste Ausstellung findet bei der Galerie Crone in Berlin diesen Juni statt.

Das bisher spektakulärste gemeinsame Projekt war aber 2019 die Verhüllung des Rathausturms: Man sah zwei durch roten Stoff miteinander verschmolzene Körper, Scheirl auf den Schultern Knebls sitzend. Das queere Über-Monster. Nie ohne Stil und Humor, die beiden. Aber auch nicht ohne Ernst. Vor allem die Vermittlung ist Knebl ein Anliegen. So wollen sie in Form von Hologrammen im Pavillon erscheinen und mit den Leuten in Kontakt treten, verrät sie. Es werde auch einen virtuellen Raum geben, der die Kunstbiennale vor allem Jüngeren näherbringen soll. Eine eigene Modelinie, bedruckt mit Malerei-Motiven Scheirls (wie immer mit den Austro-Designern House of the very island's), soll ein Weiteres dazu beitragen, was Knebl/Scheirl für ihre Kunst, aber auch Transgender-Themen im Allgemeinen propagieren: „Raus aus dem elitären Raum, rein in den Alltag.“ Auf nach Venedig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2020)