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Klima

Die grünen Milliarden reichen nicht

Auch Nestlé springt auf den grünen Zug auf. Die „Incredible Bratwurst“ kommt ohne echtes Fleisch aus – und spart so jede Menge CO2.
Auch Nestlé springt auf den grünen Zug auf. Die „Incredible Bratwurst“ kommt ohne echtes Fleisch aus – und spart so jede Menge CO2.(c) APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ
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Europas Konzerne gaben im Vorjahr 124 Milliarden Euro für CO2-ärmere Produktion aus – und verdienen gut daran. Doch für den „Green Deal“ der EU müssen sie ihr Tempo verdoppeln.

Wien. Im Grunde ist effektiver Klimaschutz ganz simpel: Sobald Unternehmen einen finanziellen Vorteil darin erkennen, weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre zu blasen, werden sie alle Hebel in Bewegung setzen, um selbst Klima-Musterknaben zu werden. Europas Konzerne haben diese Erkenntnis bereits hinter sich. Im Vorjahr investierten rund 900 börsenotierte Unternehmen in Summe 124 Milliarden Euro in die Verbesserung ihrer Klimabilanzen. 59 Milliarden Euro gingen in die Herstellung CO2-ärmerer Produkte, 65 Milliarden Euro in die Erforschung grüner Technologien, so das Ergebnis einer aktuellen Studie des Carbon Disclosure Project.

Damit ersparen die Unternehmen der Welt nicht nur 2,4 Milliarden Tonnen an Treibhausgasemissionen, sie verdienen mit den Investitionen auch noch jede Menge Geld. Die Firmen rechnen damit, dass die grünen Fabriken und Firmenflotten über die gesamte Lebensdauer doppelt so viel an laufenden Kosten einsparen werden, wie sie anfangs gekostet haben. Zudem erwarten sie, in Zukunft 1,2 Billionen Euro mit klimafreundlichen Produkten und Dienstleistungen verdienen zu können. Die gesamten Kosten auf dem Weg dahin belaufen sich nur auf ein Sechstel.

Die grünen Milliarden lohnen sich also. Und zwar nicht nur für die PR-Abteilungen der Unternehmen. Aber reichen die Anstrengungen auch aus, um die Erderwärmung einzudämmen?

 

Großbritannien reißt ein Loch

Die 882 untersuchten Unternehmen stoßen im Jahr weltweit rund 3,2 Milliarden Tonnen Kohlendioxid aus. Das ist mehr als drei Viertel der jährlichen Emissionen der EU. Will Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihre ambitionierten Klimaziele erreichen, muss sie die Wirtschaft aber dennoch zu deutlich mehr Engagement motivieren. Der „Green Deal“ sieht vor, dass die EU im Jahr 2030 nur noch halb so viele Treibhausgase ausstoßen soll wie 1990. Im Jahr 2050 soll die EU dann nur noch so viel CO2 emittieren, wie sie auch absorbieren kann. Um das zu erreichen, müssten die Investitionsausgaben für kohlenstoffarme Technologien mehr als verdoppelt werden, heißt es im Bericht. In absoluten Zahlen müssten diese Investitionen von 59 auf 122 Mrd. Euro pro Jahr steigen.

Auch diese Zahl dürfte noch nach oben korrigiert werden, wenn sich Großbritannien mit dem Brexit von der gemeinsamen EU-Klimapolitik verabschiedet. Denn der Zusammenbruch der britischen Industrie machte das Vereinigte Königreich zum Vorzeigemitglied der EU in Sachen CO2-Reduktion. Von 1990 bis 2018 verbesserte sich die Treibhausgasbilanz des Landes um 40,8 Prozent. Bis 2030 soll das Minus auf 57 Prozent angewachsen sein. Zum Vergleich: Die gesamte EU konnte ihre Emissionen im selben Zeitraum nur um 23,5 Prozent verringern. Österreich stieß 2018 sogar um 4,6 Prozent mehr Kohlendioxid aus als zu Beginn der Neunzigerjahre. Fällt die EU also auch noch Großbritannien aus der Bilanz, müssen die Unternehmen wohl noch mehr Geld für den Wandel hin zu einem klimaneutralen Europa ausgeben.

 

Österreichs Beitrag minimal

„Dieser Bericht zeigt, dass einige Unternehmen die Umstellung ernst nehmen“, sagt der geschäftsführende CDP-Europadirektor Steven Tebbe. Spitzenreiter in absoluten Zahlen sind die deutschen Unternehmen: Sie steckten im Vorjahr 44,4 Milliarden Euro in grüne Projekte. Auf Platz zwei und drei folgen Spanien mit 37,9 Mrd. Euro und Italien mit 24,3 Mrd. Euro. Zusammen mit französischen, dänischen und britischen Unternehmen stemmten sie fast die gesamten Klima-Investitionen. Die Börsenfirmen der übrigen EU-Länder, darunter auch Österreich, kommen zusammen nicht einmal auf ein Prozent aller Ausgaben für eine CO2-ärmere Wirtschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2020)