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Gastkommentar

Auch bei einer Pandemie ist Panik nicht angebracht

Coronavirus in Österreich: Kaum jemand erinnert sich noch an die letzte Pandemie, die Schweinegrippe A(H1N1).

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Nun hat also das neue Coronavirus Sars-CoV-2 auch Österreich erreicht – und es kam nicht direkt aus China, sondern von einem unserer südlichen Nachbarn. Bislang blieb es bei zwei bestätigten Fällen in Innsbruck, beides junge Menschen mit einem leichten Krankheitsverlauf, die aus der Lombardei stammen (der meist betroffenen norditalienischen Provinz). China ist weit weg, und wir konnten uns vor einem Übergreifen der Infektion nach Österreich bisher schützen, nun sind wir aber unmittelbar betroffen.

Wie konnte dies passieren? Die Infektionen in der Lombardei, in Venetien und weiteren norditalienischen Provinzen haben sich schon relativ weit ausgebreitet. Diese Vermutung liegt nahe, nachdem nicht nur Österreich die ersten beiden Infektionsfälle bei Menschen aus dieser Region festgestellt hat, sondern zeitgleich auch Kroatien, die Schweiz und Brasilien. Und die Zahl der diagnostiziert Infizierten in Norditalien steigt rapide an – 322 zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Zeilen, elf davon sind an der Krankheit verstorben.

Wie konnte das also passieren? Hier spielen mehrere mögliche Gründe zusammen: In 80 Prozent der Krankheitsfälle verläuft die neue Coronavirus-Infektion eher mild, wie ein grippaler Infekt; und gerade im Winter haben nun mal viele Menschen immer wieder grippale Infekte. Die „echte Grippe“ zirkuliert auch noch, wobei der Höhepunkt schon überschritten ist. Und man kann die neue Coronavirus-Infektion nicht von anderen viralen Atemwegsinfekten unterscheiden. Die bis vor Kurzem noch geltende Falldefinition, die eine Chinareise oder Kontakt zu einem Chinareisenden innerhalb der letzten 14 Tage vor Krankheitsausbruch inkludiert hat, ist nun auch nicht mehr gültig. Dazu kommt eine negative Eigenschaft des Virus: Es ist bereits in der Inkubationszeit für andere ansteckend. Weder der Infizierte selbst noch seine Umgebung weiß zu diesem Zeitpunkt, dass dieser Mensch infiziert ist, was eine Eindämmung der Infektion enorm schwierig macht.

Die gefährliche Inkubationszeit

Die Temperaturmessungen an aus China einreisenden Passagieren sind gut, damit werden klinisch Erkrankte, die besonders viel Virus ausscheiden, detektiert. In der Inkubationsphase befindliche Passagiere werden so aber nicht erfasst. Daher wäre es sicherer, Direktflüge aus China nach Österreich generell bis auf Weiteres auszusetzen. Es ist klar, dass man mit einer solchen Maßnahme auch nicht alle aus China einreisenden Infizierten erfasst, aber es wäre ein weiteres Puzzleteil, um Österreich besser zu schützen. Die Hauptgefahr für Österreich stellen jetzt aber ohnehin nicht China-Reisende dar, sondern sie geht von Norditalien aus. Was können wir in Österreich tun, um eine Verbreitung dieser neuen Krankheit einzudämmen? Jeder, der sich in den vergangenen 14 Tagen in Norditalien aufgehalten und einen Atemwegsinfekt entwickelt hat, soll sich telefonisch bei der Gesundheitshotline 1450 melden, seinen Fall schildern und bis zu einer Diagnose die Öffentlichkeit meiden.

Warum die Aufregung über eine Krankheit, die in den meisten Fällen mild verläuft? Weil es sich um eine komplett neue Infektionskrankheit handelt, an der immerhin 15 bis 20 Prozent der Infizierten schwerer erkranken. Rund zwei Prozent sterben an der Infektion oder den Begleitumständen. Risikogruppen für schwerere Krankheitsverläufe sind vor allem ältere Menschen mit anderen Grundkrankheiten.

Wie wird es weitergehen? Eine weitere Verbreitung der Krankheit ist anzunehmen, auch eine weltweite Epidemie (Pandemie) ist möglich. Trotzdem sind Panikreaktionen nicht angebracht. Erinnern Sie sich noch an 2009/2010? Vermutlich kaum. Zu diesem Zeitpunkt ist die letzte Pandemie über die Welt geschwappt, und heute spricht kaum mehr jemand davon.

Univ.-Prof. Dr. Norbert Nowotny (*1958) ist Virologe an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2020)