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Handel

Der erste Marktplatz für grüne „Strompickerl“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Nachfrage nach Ökostrom boomt. Ein Großteil der angebotenen Mengen wird aber erst durch den Zukauf von Herkunftsnachweisen „grün“ gemacht. Der EU-weite Handel mit diesen Zertifikaten ist umständlich und intransparent. Ein österreichisches Unternehmen will das ändern.

Wien. Wer in Österreich sauberen Strom kaufen möchte, hat die Qual der Wahl. 119 Unternehmen bieten hierzulande laut Stromkennzeichnungsbericht der E-Control „hundert Prozent Grünstrom“ an. Aber nur wenige von ihnen handeln tatsächlich mit Strom, der mithilfe von Wind, Wasser und Sonne erzeugt wurde. Fast ein Viertel hilft nach und färbt seine Kilowattstunden mit zugekauften Nachweisen grün. Der Strom, der in Österreich aus der Steckdose kommt, stammt so zwar immer noch zum Teil aus Kohle- und Atomkraftwerken im benachbarten Ausland, er lässt sich dank des grünen Mascherls aber besser verkaufen.

27 Länder in Europa händigen an ihre Stromversorger Herkunftsnachweise aus, die getrennt vom Strom gehandelt werden können. So kann ein Wasserkraftwerk seine Kilowattstunden etwa ohne Label an die Industrie verkaufen und das „grüne Pickerl“ für diese Strommengen an einen Anbieter weitergeben, der damit vielleicht seinen Kohlestrom „ökologisieren“ will.

 

50 Cent für eine grüne MWh

Der Handel mit diesen Zertifikaten läuft allerdings ab wie vor 50 Jahren. Käufer müssen bei den Produzenten durchtelefonieren, um verfügbare Herkunftsnachweise zu ergattern. Es gibt keinerlei valide Daten über die Preise, die für diese Zertifikate bezahlt werden. Die Intransparenz ist eines der größten Themen im Handel mit Stromzertifikaten, bestätigt auch die E-Control. Ein Unternehmen aus Österreich will Abhilfe schaffen und öffnet den ersten öffentlichen Marktplatz für Herkunftsnachweise.

Seit Jahresbeginn betreiben die Firmen Alpenenergie und Drack die Plattform www.herkunftsnachweise.at. „Bisher tappten die Käufer auf der Suche nach Herkunftsnachweisen im Dunkeln“, sagt Geschäftsführer Thomas Eisenhuth zur „Presse“. Nun gebe es die erste Plattform, auf der Angebot, Nachfrage und Preise für jedermann einsehbar seien.

Derzeit kostet es zwischen 50 Cent und 1,5 Euro, eine Megawattstunde Strom mit einem grünen Pickerl zu versehen. Im Falle eines Vertragsabschlusses kassiert die Plattform 3,5 Prozent.

Konsumenten, die mehr von ihrem „Grünstrom“ erwarten als umetikettierte fossile Elektrizität können sich am Stromanbieter-Vergleich von WWF und Global 2000 orientieren. Als vorbildlich gelten dort die WEB, AAE, KWG, Alpenenergie, E-Werk Rankleiten und die oekostrom AG.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.02.2020)