Ein Wien der Gangster, der Schieber, der Unterwelt. Orson Welles als Harry Lime in „Der dritte Mann“.
70-Jahr-Jubiläum

„Der dritte Mann“ und die Wiener Unterwelt

Vor 70 Jahren hatte Carol Reeds Film „Der dritte Mann“ im Wiener Apollokino seine Österreich-Premiere. Mitinspiriert wurde der Autor Graham Greene durch einen Schwarzmarktschieber, der zeitgleich Wien unsicher machte.

Wie ein Generaldirektor soll er ausgesehen haben, der König der Wiener Unterwelt. 70 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod ist er in Vergessenheit geraten: Benno Blum. Wobei der Mann eigentlich Nikolai Borrisow hieß und 1910 in Bessarabien (Rumänien) geboren wurde. Nur wenig ist über sein Vorleben bekannt: Einmal heißt es, Blum sei schon während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und am Balkan als Schleichhändler aktiv gewesen – bevor es ihn 1947 nach Wien verschlagen hat. Laut anderen Quellen war er hier als mittelloser Fremdarbeiter gestrandet, so wie viele Hunderttausend andere Zwangsverschleppte und Kriegsflüchtlinge.

Wie dem auch sei, Blum schaffte es innerhalb kürzester Zeit, zu Reichtum zu kommen, und zwar durch groß angelegten Zigarettenschmuggel. Stangen amerikanischer und britischer Herkunft waren die Ersatzwährung im zerbombten Wien. Dorthin gelangten sie über verschlungene Wege. Teilweise wurden die Zigaretten vom Freihafen Tanger aus per Schiff nach Italien gebracht. Per Bahn ging es weiter an Deckadressen in Budapest. Mit der Zeit gingen die Schleichhändler dazu über, die Wagons gleich hinter der ungarischen Grenze entleeren zu lassen.

So weit so gut. Für die letzte Etappe nach Wien brauchte es eine Übereinkunft mit der sowjetischen Besatzungsmacht. Korrupte Offiziere waren dazu nur allzu bereit. Sie ließen die Ware auf Lastwägen zu entlegenen Treffpunkten in Niederösterreich fahren, wo sie von Chauffeuren der Banden übernommen wurde. Das funktionierte eine Zeit lang, bis sich der Geheimdienst MGB (später KGB) einschaltete. Man traf eine Abmachung mit einem der Gangster, der gern Lieferungen der Konkurrenz klaute: Blum.

Schmuggelmonopol.
Seine Bande erhielt das Monopol des Zigarettenschmuggels. Der dadurch für Österreich entstandene Schaden wurde mit 100 Millionen Schilling beziffert (heute umgerechnet 81,5 Millionen Euro). Freilich hatte Blum allmonatlich eine spezielle Gegenleistung zu erbringen, nämlich: „Menschenraub“. Denn Österreich war ab Ende der 1940er-Jahre Schauplatz eines Schattenkriegs der Spione aus Ost und West. Ins Visier gerieten nicht so sehr die Agenten beider Seiten, sondern deren „Quellen“. Manche Österreicher hatten sich durch Aussicht auf schnelles Geld als Spitzel anwerben lassen. Viele Verschleppte waren aber auch Opfer von Verwechslungen oder von Denunziationen. Überwiegend traf es antikommunistische osteuropäische Flüchtlinge und Deserteure. Um diese Zielpersonen „überall“ – auch außerhalb des eigenen Machtbereichs – in die Finger zu bekommen, bedienten sich die Sowjets bei Gangstern wie Blum.