ORF: "Postenschacher" am Küniglberg?

Postenschacher Kueniglberg
Postenschacher Kueniglberg(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)
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Die Nachbesetzung von frei werdenden Posten im ORF wird voraussichtlich gemäß der politischen Farbenlehre erfolgen. Auch an Einsparungen wird gedacht. ORF-General Wrabetz hat das letzte Wort.

Das Wort „Kuhhandel“ dürfte als Wort des Jahres in die ORF-Annalen eingehen. Es wurde selten so oft in den Mund genommen, wie im Zuge der laufenden Nachbesetzungen des Ö1-, TV-Magazin- und Wissenschaftschefs. Zu nahe liegt der Verdacht, dass das eben beschlossene ORF-Gesetz erst durch personelle Absprachen der Parteien möglich wurde. Außerdem wird erwartet, dass ORF-Chef Alexander Wrabetz die geplante Straffung der Strukturen vorwegnehmen wird. Ausgeschrieben sind:

•...der Posten von Ö1-Chef Alfred Treiber, der mit Ende Juni in Pension geht und heute seinen letzten Arbeitstag hat. Er war genau genommen gar nicht Senderchef, sondern als Kulturchef zusätzlich mit der Koordination von Ö1 beauftragt worden – dieser Job ist nun ausgeschrieben. Künftig soll es nach den Vorstellungen von Wrabetz aber für jeden Sender (Radio und Fernsehen) einen eigenen Sendungsverantwortlichen geben.

Als Favoritin für Treibers Nachfolge gilt Radio-Chefredakteurin (Ex-FPÖ-Sprecherin) Bettina Roither, die von Wrabetz nach Ende der Ausschreibungsfrist animiert wurde, sich zu bewerben – laut Wrabetz „kein Präjudiz“ für die Vergabe des Postens. Treiber selbst versucht vehement Ö1-Marketingchef Clemens Kopetzky in Stellung zu bringen. Die Ö1-Redakteure wünschen sich Ulrike Wüstenhagen (gilt als ÖVP-nah). Auch der als bürgerlich geltende Wolfgang Fischer (Human Resources) ist im Rennen.

Dem Vernehmen nach stehen nach dem Hearing Wüstenhagen, Roither und Kurt Reissnegger (Ö1-Club) oben auf der Liste. Wird es Roither, gilt es, die Chefredaktion neu zu besetzen. Es werden bereits Namen ventiliert: Hannes Aigelsreiter (bürgerlich), Brigitte Handlos (eher links). Handlos gilt als Favoritin von ORF-Chefredakteur Karl Amon – der auf einem SPÖ-Ticket als künftiger Radiodirektor gehandelt wird.

•... der Posten von TV-Magazinchef Johannes Fischer. Hier wird folgende organisatorische Neuerung ventiliert: Das Wirtschaftsmagazin „Eco“ könnte in die aktuelle Wirtschaft umgeschichtet werden.

Während die Redaktion Peter Resetarits, Robert Altenburger, Claudia Neuhauser, Andrea Puschl, Claudia Reiterer oder Waltraud Langer favorisiert, soll die als bürgerlich geltende „ZiB1“-Sendungsverantwortliche Lisa Totzauer bei Wrabetz hoch im Kurs stehen. Totzauer würde ins Bild passen, wonach der ÖVP einige Posten versprochen wurden. Für Verwunderung sorgte ORF-Informationsdirektor Elmar Oberhauser mit seiner Ankündigung, er würde zurücktreten, falls Totzauer bestellt wird. Die Erklärungsmodelle dafür oszillieren zwischen Unterstützung für die Redaktion (die „üblen Postenschacher“ vermutet) und der Feststellung, dass Totzauer eine besonders streitbare Frau sei.


•... der TV-Wissenschaftschef – seit Monaten interimistisch: „Universum“-Chef Walter Köhler. Dass er automatisch nachrückt, wenn nicht binnen sechs Monaten jemand anderer bestellt ist, gehört in das reiche Feld der ORF-Gerüchte. Er müsste nach einem halben Jahr aber in der Besoldungsstufe aufgewertet werden. Möglich auch hier, dass sich die geplanten Umstrukturierungen vorab bemerkbar machen (die gesamte Neuaufstellung des ORF unter einer kleineren Direktion und Senderchefs kann erst nach der ORF-Wahl erfolgen): Gerhard Klein, Leiter der Religion, hat sich nach Ablauf der Frist beworben. Er könnte Religion und Wissenschaft gemeinsam führen – die derzeit zwei verschiedenen Direktionen zugerechnet werden (künftig soll es aber nur mehr einen Fernsehdirektor geben). Das wäre ein Beitrag zur angekündigten Einsparung von 25Prozent der Führungskräfte.

Wrabetz kann allein entscheiden

Es ist letztlich ORF-General Wrabetz vorbehalten, die Posten nachzubesetzen – wenn er will, auch gegen den Willen der Redaktion und des zuständigen Direktors. Gesetzlich vorgesehen ist eine Anhörung des Redakteursausschusses, die am 7. Juli stattfinden wird. Dort erwarten die Mitarbeitervertreter eine genaue Definition der Aufgabenbereiche der ausgeschriebenen Posten und Argumente für die von Wrabetz genannten Favoriten. Die Redakteure werden ihrerseits Vorschläge für die Postenvergabe unterbreiten. Bindend sind sie nicht. Und: Wrabetz könnte auch jemanden bestellen, der sich gar nicht beworben hat...

AUF EINEN BLICK

Am 17. Juni wurde im Parlament das neue ORF-Gesetz mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und FPÖ beschlossen. Es steht der Verdacht personeller Absprachen im Raum.

Am 7. Juli tagt der Redakteursausschuss und wird Empfehlungen für die Postenbesetzungen abgeben – die nicht bindend sind. ORF-General Wrabetz entscheidet.

Im Zuge des Sparprogramms sollen 25% der Führungsposten eingespart werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2010)

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