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Joe Bidens Comeback kommt spät – aber noch nicht zu spät

„Comeback-Kid“ Joe Biden.
„Comeback-Kid“ Joe Biden.(c) REUTERS (ELIZABETH FRANTZ)
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Die starke afroamerikanische Wählerschicht hauchte der Kandidatur des Ex-Vizepräsidenten neues Leben ein. Am Super Tuesday kommt für ihn in Bundesstaaten wie Kalifornien oder Texas die Stunde der Wahrheit – und erstmals auch für New Yorks Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg.

Wien/Washington. Nach geschlagener Vorwahl in South Carolina, die ein zumindest kurzzeitiges Comeback für Joe Biden und einen vorläufigen Stopp des Trends für Bernie Sanders markiert hatte, machten sich viele der Präsidentschaftskandidaten am Sonntag auf den Weg nach Selma in Alabama. Das hat Tradition unter den Demokraten, und viele Präsidenten wie Bill Clinton oder Barack Obama haben sich an dem Gedenkmarsch an den „Bloody Sunday“ 1965 bereits beteiligt.

Vor 55 Jahren hatte der Student John Lewis, heute angesehener Kongressabgeordneter, einen Demonstrationszug aus Protest gegen die Ermordung eines Mitstreiters organisiert, der als Meilenstein in die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung und die Karriere Martin Luther Kings eingegangen ist.

Die Unterstützung der afroamerikanischen Wähler in South Carolina, die dort einen Anteil von fast 60 Prozent haben, und nicht zuletzt die Wahlempfehlung des einflussreichen Kongressabgeordneten Jim Clyburn waren entscheidend für den souveränen Sieg Bidens. Der frühere Vizepräsident dankte Clyburn denn auch überschwänglich, und er bedachte die Medien mit einem Seitenhieb, die den ursprünglichen Favoriten nach seinen blamablen Niederlagen in Iowa, New Hampshire und Nevada schon abgeschrieben hatten.

 

Demonstrative Eintracht in Selma

In Selma demonstrierten Biden, Sanders, Elizabeth Warren, Pete Buttigieg und Michael Bloomberg Eintracht. Es war ein Signal an die afroamerikanischen Wähler unmittelbar vor dem Super Tuesday in so wichtigen Bundesstaaten wie Kalifornien, Texas, Virginia oder Massachusetts, wo die Karten neu gemischt werden und wo die Bewerber noch Montag unermüdlich für sich werben.

Denn am Dienstag steht bei den Primaries nicht nur ein Drittel aller Delegierten zur Disposition, die am Parteikonvent im Juli in Milwaukee den Herausforderer Donald Trumps küren werden. Erstmals steht am Dienstag auch der Name Bloomberg auf dem Wahlzettel. Bisher hat der 78-Jährige mehr als 400 Millionen Dollar in seine Kampagne gesteckt, in den nationalen Umfragen ist er zeitweise sogar auf Platz zwei aufgestiegen. Doch nach einem eher verunglückten Auftritt bei der TV-Debatte in Las Vegas schlug sich dies umgehend auf die Umfragen nieder. Für Bloomberg, den Zahlenfanatiker und Statistik-Fan, schlägt am Dienstag die Stunde der Wahrheit. Mittelmäßige Wahlresultate könnten sein rasches Ende besiegeln. Bloomberg kennt keine Sentimentalitäten.

Dass schier unerschöpfliche Ressourcen sich nicht automatisch in einen Erfolg umsetzen lassen, bewies zuletzt der kalifornische Milliardär Tom Sterer. Just vor der Vorwahl in seinem Heimatbundesstaat gab der Außenseiter nach seinem bisher doch recht enttäuschenden Abschneiden auf.

 

Kampf um das Überleben

Währenddessen kämpfen auch Warren und Buttigieg um das Überleben und um Finanzspenden, um sich weiter im Präsidentschaftsmarathon zu halten. Warren gab sich unverdrossen. Dass ihr ausgerechnet in Massachusetts, der politischen Heimat der linksliberalen Senatorin und früheren Harvard-Professorin, Sanders den Rang abzulaufen droht, ist allerdings ein schlechtes Zeichen für den Fortgang ihrer Kampagne. Auch für Buttigieg könnte der Höhenflug als Senkrechtstarter bereits zu Ende sein.

Derweil macht sich Biden, obwohl schon knapp bei Kasse, doch noch Hoffnungen, als Kandidat des Establishments den selbst ernannten „demokratischen Sozialisten“ Sanders zu stoppen. In der Parteielite liegen die Nerven blank, und Biden sammelt fleißig weiter Wahlempfehlungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2020)