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Der ökonomische Blick

Was geht der Klimawandel den Finanzsektor an?

A tree is seen partially submerged in water after a riverbank collapsed in Ta Dar U village, Bago, Myanmar
REUTERS
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Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Daniela Kletzan-Slamanig und Angela Köppl über neue Risken im Finanzsektor.

Die Auswirkungen des Klimawandels lassen sich nicht mehr ignorieren. Die klimapolitischen Ziele setzen weitreichende strukturelle Veränderungen unserer Wirtschaft und Gesellschaft voraus, um den Energieverbrauch deutlich zu senken und gleichzeitig fossile Energien durch erneuerbare zu ersetzen. Mit dieser umfassenden Transformation ist ein massiver Investitionsbedarf verbunden. Die Dekarbonisierung erfordert technologische Innovationen in allen Bereichen, eine Veränderung in den Produktions- und Konsumprozessen und die Setzung entsprechender regulatorischer Rahmenbedingungen. Die Veränderungen betreffen nicht nur die Realwirtschaft, sondern auch die Finanzwirtschaft. Einerseits geht es hierbei um die Schaffung von Rahmenbedingungen, die klimafreundliche Investitionen und Anlageformen fördern.

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Andererseits erfordern der Klimawandel und die Klimapolitik eine Integration der damit verbundenen Risken in das Risikomanagement von Finanzinstitutionen. Typischerweise wird zwischen physischen Risiken und Transitionsrisiken unterschieden. Physische Risiken resultieren aus einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur, einer zunehmenden Klimavariabilität und der Zunahme von Extremwetterereignissen (z.B. Hitzewellen, Starkregen, Überschwemmungen). Diese führen nicht nur zu realwirtschaftlichen Verlusten (z.B. durch Produktionsausfälle oder die Zerstörung von Vermögenswerten oder Infrastruktur) sondern u.a. zu massiven Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft ebenso wie steigenden Kreditausfallsrisiken für Banken oder Verlusten in Vermögenswerten in den Bilanzen von Finanzunternehmen. Daten der Munich Re zeigen, dass sich sowohl die durchschnittliche Anzahl der Naturkatastrophen pro Jahr als auch die Schadenssummen im letzten Jahrzehnt gegenüber dem 30-Jahre-Schnitt um mehr als 25% erhöht haben.

Für Finanzinstitutionen, deren Portfolio einen hohen Anteil an „fossilen“ Assets enthält, gibt es ein erhöhtes Risiko von Kreditausfällen.

Die Transformationsrisiken ergeben sich aus dem Übergang zu einer CO2-neutralen Wirtschaft. Diese Risiken sind direkt mit Politikänderungen verbunden, wie z.B. der Einführung einer CO2-Bepreisung oder der Abschaffung von Subventionen auf fossile Energieträger, technologischen Veränderungen sowie verändertem Konsum- und Marktverhalten in der Transitionsphase. Physische Risiken und Transitionsrisiken sind umso höher, je stärker sich die Veränderungen im Zuge des Klimawandels niederschlagen, je unerwarteter und einschneidender ein Politikwechsel oder ein technologischer Pfadwechsel ausfällt und je später Klimaaspekte in Entscheidungsprozesse und das Risikomanagement von ökonomischen Akteuren wie Kreditinstitutionen einfließt. Die notwendigen Transformationsprozesse um den Klimawandel zu begrenzen führen dazu, dass Investitionen in fossile Technologien bzw. Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf fossilen Energien beruht, ein hohes Risiko haben zu „Stranded Assets“ oder „Stranded Investments“ zu werden. Für Finanzinstitutionen, deren Portfolio einen hohen Anteil an „fossilen“ Assets enthält, bedingt dies ein erhöhtes Risiko von Kreditausfällen oder der Entwertung dieser Anlagen.

Die wachsende Sensibilisierung in Hinblick auf den Klimawandel, steht in vielen Fällen im Widerspruch zu der vorherrschenden Kurzfristigkeit der Entscheidungsfindung von Finanzunternehmen, während die Einbeziehung von Klimaaspekten die Berücksichtigung langfristiger Veränderungen und die Anwendung neuer Daten und methodischer Ansätze voraussetzt. In den letzten Jahren ist eine Reihe von Initiativen entstanden, die Vorschläge zur Einbeziehung der mit dem Klimawandel verbundenen Risiken ausarbeiten. Ihre Umsetzung in den österreichischen Finanzunternehmen ist derzeit aber noch unzureichend. Vorliegenden Umfrageergebnisse für 2018 zufolge, werden Klimarisiken nur von 24 Prozent der Befragten systematisch berücksichtigt.

Es besteht ein enormer Finanzierungsbedarf für den Übergang zu einer fossilfreien Wirtschaft.

Gleichzeitig besteht ein enormer Finanzierungsbedarf für den Übergang zu einer fossilfreien Wirtschaft, wie zuletzt auch durch die Ankündigungen des Green Deal der EU Kommission unterstrichen wurde. In diesem wurde ein Investitionserfordernis von eine Billion Euro über die nächsten zehn Jahre genannt. Das zunehmende Bewusstsein bezüglich des Klimawandels und seiner Folgen resultiert auch in veränderten Anlegerpräferenzen und einem stetig wachsenden Angebot an spezifischen Veranlagungsformen. Laut Informationen des Forums für Nachhaltige Geldanlagen erreichten derartige Investments 2018 in Österreich ein Volumen von 21,8 Milliarden Euro, was einem Marktanteil von knapp 13 Prozent entspricht. Sie wiesen zudem ein überdurchschnittliches Wachstum auf. Unter dem Begriff der nachhaltigen oder grünen Geldanlagen wird ein breites Spektrum an Finanzprodukten subsummiert. Diese reichen von Green Bonds, die von Unternehmen oder Staaten ausgegeben werden, um Klimainvestitionen zu finanzieren, über spezialisierte Aktienfonds bis zu innovativen Ansätzen wie Crowdfunding oder Bürgerbeteiligungen.

In jedem Fall sind sowohl für die Risikobewertung des Klimawandels als auch für die Entwicklung grüner bzw. nachhaltiger Finanzanlagen klare Qualitäts- und Bewertungskriterien erforderlich. Neben den Richtlinien für die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken sowie die Definition von Qualitätskriterien für grüne Anlagen, wie sie etwa auf EU-Ebene entwickelt werden, setzt dies auch den entsprechenden Aufbau von know-how in den Finanzinstitutionen voraus, um mit den bevorstehenden Herausforderungen umgehen zu können.

Die Autorinnen

Daniela Kletzan-Slamanig (*1972) und Angela Köppl (*1960) sind Referentinnen für Energie und Klima am WIFO. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die europäische und österreichische Energie- und Klimapolitik, ökonomische Instrumente der Klimapolitik sowie Transformationspotentiale im Energiesystem.

Daniela Kletzan-Slamanig und Angela Köppl
Daniela Kletzan-Slamanig und Angela KöpplWifo

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