Schnellauswahl
Info- und Kulturkanal

ORF III: „Die Quoten waren relativ egal“

Ingrid Thurnher ist seit 2017 Chefredakteurin von ORF III.
Ingrid Thurnher ist seit 2017 Chefredakteurin von ORF III.ORF
  • Drucken
  • Kommentieren

ORF III erreicht nach neun Jahren einen Marktanteil von 2,3 Prozent, so Senderchef Peter Schöber. Das Programm 2020 bringt u. a. Schenk, Heller und Salonschleicher.

Am Nationalfeiertag 2011 hob der damals gerade zum zweiten Mal bestellte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz neben Sport + noch einen Spartensender aus der Taufe: den Info- und Kulturkanal ORF III. Ein Prestigeprojekt mit Bildungsauftrag. Die Quoten waren dabei „relativ egal“, wie Senderchef Peter Schöber stets betonte. Mittlerweile lässt er sich aber gern fragen, wie es denn um die Zuschauerschar bestellt ist – auch wenn er lieber vom Programm 2020 schwärmt, das morgen in Wien präsentiert wird. „Wir betreiben keine Quotenzählerei. Aber es ist schön, dass wir im Februar über 850.000 Zuseher hatten – es war der erfolgreichste Februar seit Senderbestehen. Wir erreichen 2,3 Prozent Marktanteil im TV-Segment.“ Etwa zehn Sender, die in Österreich frei empfangbar sind, fischen in ähnlichen Gewässern – von Tagesschau24 über Arte und 3sat bis ZDFinfo –, und „die liegen alle deutlich hinter uns“.

Die Quote sei nicht unwichtig, es gehe um Relevanz und darum, den Menschen einen möglichst niederschwelligen Zugang zur Hochkultur zu ermöglichen: So erreichte die mit Arte coproduzierte Liveübertragung des Konzerts zum 150-jährigen Bestehen der Wiener Staatsoper europaweit knapp eine Million Zuseher. Auch heuer soll ORF III wieder „eine Bühne für Künstler und Kultur schaffen – auch nach außen“.

 

Schenk, Heller und Salonschleicher

Zu sehen sein werden etwa André Hellers „Rosenkavalier“ aus Berlin (19. April), Otto Schenks „Fidelio“ (17. Mai), die Gala zu Ehren des scheidenden Operndirektors Dominique Meyer (5. Juli), „Turandot“ aus St. Margarethen (8. Juli) und Jonas Kaufmann im „Fidelio“ in Grafenegg (16. August), um nur einige zu nennen. Die finanzielle Situation sei fordernd, so Schöber: „Wir haben ein Programmbudget von circa 13 Millionen Euro – davon fließen mehr als 80 Prozent an österreichische Produzenten.“

In seinen bald neun Jahren hat sich der Sender grundlegend gewandelt – weg vom Abspielen von Archivmaterial und Wiederholungen hin zu unverwechselbar eigenen Inhalten. Laut Schöber beträgt in der Zeitzone zwischen 19 und 24 Uhr der Anteil an Eigen-, Auftrags- oder Co-Produktionen 85 Prozent – das sei der höchste Wert in ganz Österreich. Eigenmarken wie „Erlebnis Bühne“, „erLesen“, „Österreich Heute“, „Kultur Heute“, „Inside Brüssel“ und Diskussionssendungen wie die „Runde der ChefredakteurInnen“ verleihen dem Sender Profil und Stabilität: „Dadurch sind wir weniger anfällig für Schwankungen und relativ wenig auf Kaufware angewiesen.“ Als Spezialsender könne man leichter Sendungen testen – oder technische Neuerungen wie die Umstellung auf Remote-Regie (ferngesteuerte Kameras) im Info-Studio. „Wir produzieren so mehrere Hundert Sendungen im Jahr“, sagt Schöber. Und das nicht nur für ORF III, auch für ORF 2: „Rund um Ibiza hat ORF III einen wichtigen Teil aller Sonder- und Diskussionssendungen gemacht.“

40 Neuproduktionen stehen heuer auf dem Programm. Neben den schon erwähnten Klassik-Highlights sind das neue Dokumentationen, z. B. über „Wien – Die Geheimnisse der Inneren Stadt“ oder Österreichs Adel, auch ein Schwerpunkt anlässlich 75 Jahre Zweite Republik/65 Jahre Staatsvertrag ist geplant.

Besonders am Herzen liegt Schöber das Projekt, für das Eindrücke noch lebender Zeitzeugen gesammelt wurden. „Wir haben gedacht, es werden sich zehn, 15 Leute melden – aber es waren Hunderte.“ In Kooperation mit der FH St. Pölten und dem Institut für Zeitgeschichte wurden Interviews geführt, die im Rahmen des „Zeit.Geschichte“-Schwerpunkts gezeigt, beschlagwortet und für nachfolgende Generationen archiviert werden. Einige neue Formate werden ausprobiert: Beim „ORF-III-Streitgespräch“ soll ab Herbst die zunehmend verloren gegangene Streitkultur kultiviert werden. Im „Tanzcafé Franz“ lernen einander ältere Singles beim Salonschleicher kennen. Und für „Undercover Artist“ schickt ORF III bekannte Künstler inkognito auf die Straße, um in der Fußgängerzone mit dem Klingelbeutel ihr Glück zu versuchen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2020)