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Plattenkritik

King Krule: Der junge Mann in der Finsternis

„Under the underclass, deep in society's hole“: King Krule, selbst nunmehr junger Vater und ins Grüne gezogen, heroisiert das Leben in den Slums.
„Under the underclass, deep in society's hole“: King Krule, selbst nunmehr junger Vater und ins Grüne gezogen, heroisiert das Leben in den Slums.(c) XL Recordings
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Seltsame Sounds, rätselhafte Gesänge, heroisiertes Elend: Der Darkwave-Troubadour aus Südlondon treibt es auf seinem dritten Album ein bisschen zu arg.

Die Lebenssituation dieses 2013 wegen seines fantastischen Debütalbums, „A New Place 2 Drown“, auch in der „Presse“ bejubelten Südlondoners Archie Samuel Marshall alias King Krule hat sich stark verändert: Aus dem jugendlichen Renegaten, der schon mit 13 Jahren den Schulbesuch verweigert hat, ist ein Jungvater geworden, der sich um seinen Nachwuchs kümmern muss. Aus dem abgefuckten Peckham im Süden Londons ist er nordwärts ins grüne Warrington abgetaucht. Weg vom Grind, weg von der gern mit Kriminalität liebäugelnden Grime-Szene.

Doch „Man Alive“, sein drittes Album, fasziniert mit seinen seltsamen Sounds und rätselhaften Gesängen wohl nur Hardcore-Melancholiker. „Weed smoke made me feel so yucky“, jubelt er zunächst noch in „Stoned Again“. Das ist vielleicht der Schlüssel zu diesem unebenen Gemisch aus rauen und sanften Tönen: Der Mann ist zu weichgeraucht für entschlossene Tanzmusik. Seine verschlungenen Grooves mäandern eher ratlos herum. Dafür sind sie ornamentiert mit Luft aus kreischenden Jazztröten, eingeschlafenen Breakbeats und markerschütterndem Gebrüll.

Deutete sein famoses Debütalbum noch an, dass hier ein Renegatenbub den Aufstieg schaffen wird, hat sich in der Zwischenzeit herausgestellt, dass King Krule nie die Entwicklung seiner Karriere im Sinn hat. Er beharrt auf seinen monomanischen Basteleien auf Low-Fi-Basis. „I'm stoned again, I'm low again“, singt er trotzig.

Ein magischer Moment des Um-sich-Kreisens glückte mit „Airport Antenatal Airplane“: rätselhaftes Murmeln und Brummeln, entspannte Gitarrenlicks und wunderliche Klänge, die sich als Gesang von Nilüfer Yanya herausstellen, den King Krule als Sound auf seinem Keyboard eingerichtet hat. Wenn er sampelt, dann stets auf raffinierte Weise. Im Original, dem Song „Small Crimes“, singt Nilüfer Yanya, sie sei ein Adrenalin-Junkie. Damit steht sie im krassen Gegensatz zu King Krule, der sein Wollen stets untertourig hält. Das Feuer, das im Video zu „(Don't Let The Dragon) Draag On“ flackert, ist eine Spiegelung. In ihm selbst scheint es erloschen. Seine Musik klingt heute wie der narkotische Soundtrack einer Doku über Depression. Vielleicht sollte er wieder mit anderen Menschen musikalisch kommunizieren. Auf „Man Alive“ spielt er fast alle Instrumente selbst. Nur Saxofonist Ignacio Salvadores begleitet ihn ins Herz der Finsternis.

 

In einem Park überfallen?

Es fehlt der zornige Überschwang, der King Krules frühere urbane Hymnen wie „Easy Easy“ angetrieben hat. Stattdessen berichtet er lieber darüber, wie einer in einem Park in Peckham brutal überfallen wurde. Er selbst? Eine Zahnlücke, die das womöglich belegt, trägt er stolz in seinen aktuellen Schwarz-Weiß-Videos zur Schau. „Boy on the ground with his pants down, roads were busy, buses passed by, I wonder who saw me, I was the last guy“, grölt er in „Comet Face“. King Krule hat es sich in der Gosse gemütlich gemacht. Statt das zerstörerische Slumleben künstlerisch zu bekämpfen, heroisiert er es.

Weil gerade im Elend schönste romantische Liebe möglich wäre? Nein, für einen King Krule nicht. So berichtet er es wenigstens in „Underclass“. Nach hoffnungsvollem Beginn – „Under the underclass, deep in society's hole, that's where I saw you, love“ – kracht alles zusammen. Der Erlösung durch Liebe steht am Ende die eigene Gefühllosigkeit im Weg. „The numb, it gonna spread through me girl, let the fire grow cold . . .“ Um einen anderen tragischen Jüngling – diesfalls aus Wien – zu zitieren: Wie hört das auf, wie wird das weitergehen?

King Krule: Man Alive!
King Krule: Man Alive!(c) XL Recordings

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2020)