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Im Kino

„Just Mercy“: Unschuldig in der Todeszelle

In Alabama sei man als Schwarzer von Geburt an schuldig, sagt der zum Tod verurteilte Walter McMillian (Jamie Foxx) zum Junganwalt Bryan Stevenson (Michael B. Jordan), der ihm gratis Rechtsberatung anbietet.
In Alabama sei man als Schwarzer von Geburt an schuldig, sagt der zum Tod verurteilte Walter McMillian (Jamie Foxx) zum Junganwalt Bryan Stevenson (Michael B. Jordan), der ihm gratis Rechtsberatung anbietet.Warner Bros.
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„Just Mercy“ schildert den Kampf eines Anwalts gegen Rassismus und Korruption bei der Verhängung der Todesstrafe in Alabama: ein allzu konventionelles Drama.

Er hat die Todesstrafe in Alabama nicht beseitigen können, doch er hat viele vor ihr bewahrt: Seit Ende der 1980er-Jahre kämpft der Anwalt Bryan Stevenson unermüdlich gegen Diskriminierung im US-Justizsystem. Seine Equal Justice Initiative garantiert jedem Todeszellen-Kandidaten im Bundesstaat Alabama Rechtsberatung und setzt sich für faire Prozesse ein. Über 125 Straftäter entkamen dadurch der Hinrichtung durch den Staat. Der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu nannte Stevenson „Amerikas Nelson Mandela“. In seinen Memoiren schilderte Stevenson 2014 seinen ersten Fall: Den des afroamerikanischen Holzfällers Walter McMillian, der 1988 zum Tode verurteilt wurde und sechs Jahre im Todestrakt verbrachte – für ein Verbrechen, das er nie begangen hatte.

Die Verfilmung des Falls durch US-Regisseur Destin Daniel Cretton ist jetzt im Kino zu sehen. Das konventionell, aber eindringlich inszenierte Drama beginnt mit der Perspektive des Verurteilten (anmutig: Jamie Foxx): Am Heimweg von der Arbeit wird er verhaftet, er soll eine 18-jährige Putzerei-Mitarbeiterin getötet haben. Dann nimmt der Film den Blick von Stevenson (Michael B. Jordan) ein, der als Harvard-Student erste Kontakte mit einem Todeszellen-Insassen hat: Nach kurzer rechtlicher Aufklärung schäkert er schon mit ihm über die Kindheit im Kirchenchor. Später zieht er nach Alabama, um gemeinsam mit einer Aktivistin (Brie Larson) eine NGO für Rechtsberatung aufzuziehen.

Freundlich empfangen wird er nicht. „In Alabama you are guilty from the moment you're born“, warnt McMillian seinen neuen Anwalt. Der stoßt bei seinen Nachforschungen bald auf Widerstand der Behörden, deren Mitarbeiter ihn zugleich stolz auf den Roman „Wer die Nachtigall stört“ hinweisen, den Harper Lee hier in Monroeville geschrieben hat. War er schon im Mockingbird-Museum? So ein tolles Denkmal für die Bürgerrechtsbewegung hier im Süden!

 

Hinrichtung mit viel Radau

Der strukturelle Rassismus ist tief verwurzelt in dieser Stadt, die hier exemplarisch für ein kaputtes Rechtssystem stehen soll: Im Fall McMillian wurde bewusst jemand gesucht, dem man den Mord ankreiden kann. Die Mächtigsten der Stadt fühlen sich nur den Weißen verpflichtet – und sind bereit, die grundlegenden Rechte der Schwarzen zu missachten, um ihrer Klientel ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Ein falsches freilich: Für jeden zu Unrecht verurteilten Mörder läuft ein wirklicher noch irgendwo herum.

Regisseur Cretton erzählt das mit kontrastreichen Bildern (die Überzahl schwarzer Insassen wird durch die reinweiße Gefängniskluft und die ebensolchen Zellen noch deutlicher) und anschwellenden Gospelchören. Jede dramatische Wendung deutet sich so schon von Weitem an. Doch der Film bietet auch einprägsame Szenen, die unter die Haut gehen: Etwa als ein Todeskandidat eine Panikattacke erleidet – und seine Freunde ihm quer durch die Zellwände gut zureden, „wie wir es geübt haben, einatmen, ausatmen“. Als für einen Insassen der Moment der Tötung kommt, klappern die anderen mit ihrem Metallgeschirr auf den Zellwänden, den Radau hört man im ganzen Gebäude. Sie teilen ihm mit: Du stirbst nicht allein, wir sind da. Der Zusammenhalt und die Hingabe im Gefängnis sind ergreifend – fast könnte man glauben, die Todeszellen wären voller unschuldig Verurteilter!

Das stimmt nicht, doch die Fehlerquote ist hoch: Auf neun Getötete kommt einer, der freigesprochen wird, klärt der Abspann auf. Als wahre Geschichte ist der Fall berührend – und das rettet (neben den beachtlichen Schauspielleistungen) den Film, dem ansonsten jede Nuancierung abgeht. Von Anfang an ist klar, dass McMillian unschuldig ist, was Bryan als moralisch einwandfreier, bemühter, einfühlsamer Held bald belegen kann. Die Perspektive der Mächtigen verweigert der Film – und scheitert damit auch daran, das System der Ungerechtigkeit umfassend zu zeigen: Sie sind halt korrupt und herzlos. Da macht es sich der Film zugunsten einer emotionalen Erzählung zu leicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2020)