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Goldverkauf: Leute leeren Schmuckschatullen

In den vergangenen Wochen beobachteten Goldkäufer eine regelrechte Lawine an Altgoldverkäufen durch Privatpersonen.
In den vergangenen Wochen beobachteten Goldkäufer eine regelrechte Lawine an Altgoldverkäufen durch Privatpersonen.REUTERS
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Aufgrund des hohen Goldpreises sehen viele die Chance, alte Vorräte zu Geld zu machen. Die Welle ist beispiellos.

New York. In den vergangenen Wochen beobachteten Goldkäufer eine regelrechte Lawine an Altgoldverkäufen durch Privatpersonen. Menschen in Europa und den USA verkauften in aller Eile ihren kaum genutzten Schmuck, da sie befürchteten, dass die außergewöhnliche Preisrallye, die das Coronavirus seit Jahresbeginn ausgelöst hat, bald verpuffen könnte.

Verkäufe von Altgold legen stets zu, wenn die Preise steigen, aber „wir haben noch nie eine solche Welle gesehen“, sagte Tobina Kahn, Präsidentin des House of Kahn Estate Jewelers in Chicago. In ihrem Haus lagen die Anmeldungen für Schmuckbewertungen allein in der vergangenen Woche um zwölf Prozent über dem Schnitt.

Die außerordentlich rasche Aufwärtsbewegung des Goldpreises, der heuer bis Donnerstag um 8,3 Prozent zulegte, hat das Interesse der Verkäufer geweckt. Aber angesichts so vieler offener Fragen bezüglich der Verbreitung des Virus und seiner Auswirkungen auf die Weltwirtschaft „sagt niemand: Ich möchte warten, weil ich denke, dass Gold noch weiter steigen wird“, sagte Kahn gegenüber Bloomberg News am Telefon. „Sie erkennen, dass dies zeitkritisch ist.“

 

Kurzzeitiger Preisrutsch

Die Rallye wird durch eine Flucht in die Sicherheit ausgelöst und „basiert auf Angst“, sagte sie. Am Freitag wurden Befürchtungen eines Preisrutsches Realität. Nachdem der Kassapreis für Gold am 24. Februar in New York 1698,31 Dollar je Unze erreicht hatte, fiel die Notierung auf 1563,07 Dollar. Anleger verkauften das Edelmetall, um Verluste in anderen Anlageklassen auszugleichen. Das signalisiert jedoch nicht ein Ende des Ansturms, sondern kann ihn in der Tat verstärken.

Laut Ash Kundra, Mitinhaber von J. Blundell & Sons im Londoner Schmuckdistrikt Hatton Garden, treten die höchsten Verkäufe von Alt-Schmuckstücken normalerweise auf, wenn hohe Preise zu sinken beginnen. „Jeder sichert seine Wetten ab“, sagte er. Kundras Geschäft habe am 24. Februar den höchsten Preis für Altgold gezahlt, fügte er hinzu.

Im Allgemeinen macht Altgold etwa 30 Prozent des weltweiten Gesamtangebots aus. Während die Förderung aus den Minen im Jahr 2019 unverändert blieb, stieg die Menge an Altgold wahrscheinlich um bis zu 2,5 Prozent, sagte Rohit Savant, Analyst bei der Research-Firma CPM Group. In diesem Jahr gab es jedoch einen „deutlichen“ Anstieg, insbesondere als sich Gold auf Eurobasis einem Rekord näherte, berichtete der europäische Veredler Heraeus Holding.

„Die Leute haben begonnen, ihre Safes auszuräumen“, sagte Kundra und fügte hinzu, dass die meisten Schmuckstücke, die in sein Geschäft kommen, eher von Juwelierhändlern als von hereinspazierenden Verbrauchern stammen. „Sie stoßen auf einen Haufen Schmuck, der schon seit fünf oder zehn Jahren dort liegt.“

 

China ist anders

Während es in den USA und in Europa hektische Verkäufe gibt, sieht die Situation in China ganz anders aus. Dort dürften die Verkäufe von Goldschmuck in diesem Jahr einbrechen angesichts des zunehmenden wirtschaftlichen Schadens durch die Coronavirus-Krise. Um Ansteckung zu vermeiden, halten sich Käufer von öffentlichen Plätzen fern.

Die meisten Käufer von Goldschmuck zahlen den Verkäufern einen Bruchteil des Kassapreises. Recycler und Raffinerien schmelzen es dann ein, reinigen es und formen es zu Goldbarren für Münzhersteller und -investoren oder zu Goldpulver für industrielle Zwecke. Ein typischer Ehering aus 18 Karat Gold mit einem Gewicht von etwa zehn Gramm würde einem Verkäufer etwa 383 Dollar bei einem Kassapreis von 1600 Dollar einbringen, sagte er. Eine goldene Uhr mit einem Gewicht von etwa drei Unzen, die in den 1980er-Jahren für ungefähr 1000 Dollar gekauft wurde, würde dem Käufer wahrscheinlich etwa 1900 Dollar bescheren. (Bloomberg/est)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2020)