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Do-it-yourself-Rakete

Raketenbeweis. Sämtliche Märchen über die Kugelform der Erde würden bald, merkte Mike Hughes damals an, „wie Dominosteine fallen“.
Raketenbeweis. Sämtliche Märchen über die Kugelform der Erde würden bald, merkte Mike Hughes damals an, „wie Dominosteine fallen“.(c) imago images / ZUMA Press (Gene Blevins)
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Stuntman schoss sich per Eigenbaurakete in den Tod: Die Sehnsucht nach der flachen Erde.

Georges Clemenceau (1841–1929), Frankreichs Premierminister vor und nach dem Ersten Weltkrieg, soll in den Zwanzigerjahren gefragt worden sein, wie zukünftige Historiker die Kriegsschuld beurteilen würden. Er antwortete, das wisse er nicht – sicher sei nur, dass keiner von ihnen behaupten würde, Belgien sei in Deutschland eingefallen. Clemenceau wollte damit ausdrücken, dass unverhandelbare Tatsachen existieren.
Angeheizt durch den Siegeszug der sozialen Medien und durch Regimes, deren Autorität auf bornierter Wiederholung von vielfach entkräfteten Lügen beruht – siehe USA –, verbreiten sich heute faktenwidrige Darstellungen, ­Irreführungen und Verdrehungen wie rasend. Es gibt auch Verrückteres. So sammelt die sogenannte „Flat Earth Society“ unablässig amüsante „Beweise“ dafür, dass die Erde flach sei. Aus dieser Perspektive wirkt Clemenceaus altmodische Tatsachenverliebtheit bizarr.

Reiseheld, Pionier und Bastler Mike Hughes (1956–2020) wollte auf Flügen mit seiner dampfbetriebenen Privat­rakete die Form der Frisbeescheibe, auf der wir leben, aus der Weltallperspektive dokumentieren. „Ich glaube nicht an die Wissenschaft“, betonte der Ex-Chauffeur, dessen erstes Fundraising nur 310  Dollar einbrachte, wonach er sich die finanzielle Unterstützung der Propagandisten des palatschinkenflachen Planeten sicherte. Sämtliche Märchen über die Kugelform der Erde würden bald, merkte Hughes an, „wie Dominosteine fallen“. Das klang halbherzig, ebenso lasch wie seine Beteuerungen, sich „in den Pausen während des Raketenbaus“ dem Dogma seiner Flacherden-Sponsoren angeschlossen zu haben.

Wie auch immer, nach Crash und Verletzung beim Erstflug 2014 erreichte „Mad Mike“ vor zwei Jahren in der Mojave-­Wüs­te mit seiner knallroten Do-it-yourself-Rakete immerhin 572 Meter Höhe. Am 22. Februar 2020 forderte er sein Schicksal erneut heraus. Sein letzter Flug, live übertragen auf YouTube, dem Zentralorgan von „Flat Earther“ & Co., lässt erkennen, wie sich sein Fallschirm menschenlos vom Fluggerät löst und entfernt. Das Video endet in einer traurigen kalifornischen Staubwolke.

www.amanshauser.at

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 06.03.2020)