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Ethik: Anthropologen an die Front?

(c) SSG MICHAEL L. CASTEEL
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Das Programm „Human Terrain“, in dem das US-Militär Sozialforscher als Hilfstruppen rekrutiert, ist unter den Umworbenen höchst umstritten.

Alltag im Irak: In einem Haus findet eine US-Streife ein Gewehr und etwas Gedrucktes, das sie für einen Aufruf zum Jihad hält. Für gewöhnlich geht es dann rasch, aber bei einer Gelegenheit im vorletzten Herbst waren sprach-, sitten- und landeskundige US-Forscher zur Stelle, die das Gedruckte als Seite eines Schulbuchs identifizierten – und das Gewehr als eines, mit dem Imker in der Region Vögel schießen. Dem Besitzer geschah nichts, er bedankte sich, indem er die GIs zu einem von Terroristen angelegten Sprengstoffversteck führte. Das zeige, dass „ein wenig Respekt, Kultur und Einfühlungsvermögen Menschenleben retten können“, lobt Montgomery McFate, US-Anthropologin und Erfinderin des „Human Terrain System“ (HTS), in dessen Rahmen das Pentagon Sozialforscher in seine Truppen im Irak und in Afghanistan „einbettet“ (Nature, 455, S.583).

 

Menschen gewinnen, Krieg gewinnen

„Es gibt keinerlei Belege dafür, das HTS auch nur ein Menschenleben gerettet hat“, entgegnet Roberto González, Anthropologe an der San Jose State University (Anthropology Today, 24, S.21). So ist zum Gegenstand eines Kriegs unter Anthropologen geworden, was das US-Militär seit 2007 in die Schlachten wirft, die in „Human Terrain Teams“ gebündelte Kompetenz von Kultur- und Sozialwissenschaftlern. Man hatte gelernt, dass die derzeitigen Kriege nicht mehr auf dem „Terrain der Geografie“ ausgetragen werden – wie klassische Kriege zwischen Staaten –, sondern auf einem „Terrain der Menschen“, mitten in Zivilbevölkerungen: „Das Terrain der Menschen ist das entscheidende Terrain“, formuliert US-General David Petraeus, der im Irak kommandierte und nun in Afghanistan reaktiviert wurde. Die Menschen muss man kennen – sonst läuft die mächtigste Kriegsmaschine ins Leere –, und man muss sie auf seine Seite ziehen, beides soll HTS.

Die Idee ist nicht neu, der Begriff „human terrain“ tauchte 1968 in den USA auf – man fürchtete Guerrilla-Aktivitäten der „Black Panther“ im eigenen Land –, und erkundet wurde ein solches Terrain erstmals in Vietnam: US-Geheimdienste spionierten die Bevölkerung aus und lieferten tausende Zivilisten als „Mitglieder der Vietkong-Infrastruktur“ ans Messer. Das brachte „human terrain“ so in Verruf, dass die Idee erst 2001 wieder lanciert wurde – von McFate. Inzwischen läuft das Programm, das 100 Millionen Dollar im Jahr kostet und derzeit 21 „Human Terrain Teams“ – Gruppen aus zwei Sozialforschern und drei Soldaten – im Irak und in Afghanistan im Einsatz hat, an vorderster Front, drei Opfer sind bisher zu beklagen. Eine Ethnologin erlitt tödliche Brandwunden, als sie in Afghanistan zum Gesprächsanknüpfen einen Mann fragte, was das Benzin in seinem Kanister koste. Er übergoss sie damit und zündete sie an, ein zweites Mitglied des Teams erschoss ihn.

Auch sonst ging so viel schief – von der Rekrutierung der Forscher bis zur Einbettung in die Truppe –, dass Nature 2008 die „theoretisch gute Idee auf allen Ebenen gescheitert“ sah und das Ende von HTS forderte (456, S.676). Grundsätzlichere Kritik kommt von der US-Anthropologengesellschaft, die eine Militarisierung der Forschung fürchtet und HTS für „unethisch“ hält (aaanet.org). Sogar die American Dialect Society schaltete sich ein und erklärte „Human Terrain Team“ zum „Euphemismus des Jahres 2007“.

Wie lange er noch besteht, ist unklar; letzte Woche wurde Steve Fandarco, langjähriger HTS-Direktor, ohne Angabe von Gründen gefeuert (Nature, 22.6.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2010)