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Hintergrundgespräch

„Extrem wichtiges Jahr für die Unis“

Die Prüfungsaktivität der Studierenden erhöhen und die Studierbarkeit der Curricula gewährleisten sind wichtige Punkte auf den Agenden von Uniko-Präsidentin Seidler und Wissenschaftsminister Faßmann.
Die Prüfungsaktivität der Studierenden erhöhen und die Studierbarkeit der Curricula gewährleisten sind wichtige Punkte auf den Agenden von Uniko-Präsidentin Seidler und Wissenschaftsminister Faßmann.(c) Getty Images (skynesher)
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Wissenschaftsminister Heinz Faßmann und Uniko-Präsidentin Sabine Seidler über Pläne und Herausforderungen für die Universitäten.

Ein „sehr spannendes Uni-Jahr“ erwartet Sabine Seidler, Rektorin der TU Wien und seit Jahresbeginn Vorsitzende der Österreichischen Universitätskonferenz Uniko. Neben Fragen der Forschungsfinanzierung stünden Verhandlungen über die Leistungsvereinbarungen an – im Oktober soll der Uni-Finanzierungsrahmen für die Periode 2022 bis 2024 vorliegen. Im zweiten Jahr des neuen Finanzierungssystems müsse man kritisch reflektieren. „Ist die Zielerreichung möglich? Wo liegen die Herausforderungen?“, so die Fragen, die sich für Seidler stellen.

Auch Heinz Faßmann spricht von einem „extrem wichtigen Jahr“. Der Wissenschaftsminister ist optimistisch, nicht zuletzt, weil sich in der Regierungsvereinbarung ein Bekenntnis zum „Forschungsland Österreich“ findet. Die Unis hätten sich gut entwickelt. Sie wären durch mehr Geld handlungsfähig geworden und könnten nun strategische Entscheidungen selbst treffen.

Zum umstrittenen Thema Zugangsbeschränkungen merkt Faßmann an, dass der allgemeine Rückgang der Studierendenzahlen nicht auf Zugangsbeschränkungen zurückzuführen sei, sondern auf den demografischen Wandel. Und sieht darin auch einen Vorteil: „Wir müssen nicht mehr dem Wachstum hinterherhecheln.“

 

Zugangsregeln systematisieren

Seidler wie Faßmann betonen, dass geregelter Zugang nicht notwendigerweise beschränkter Zugang heißt. Bezüglich möglicher Ausweitungen versichert Faßmann, das es keineswegs beabsichtigt wäre, diese flächendeckend einzuführen. „Es gibt viele Studienrichtungen, die mehr Studierende begrüßen“, so der Minister. Nach Studienrichtungen betrachtet gibt es in 85 Prozent gar keine Beschränkungen. Allerdings sind aufgrund der Konzentration auf relativ wenige Massenfächer mehr als die Hälfte der Studierenden in einem zugangsregulierten Studium. Was aus Faßmanns Sicht notwendig ist, ist eine Systematisierung und Vereinheitlichung der unterschiedlichen, historisch gewachsenen Zugangsregelungen.

Seidler hebt die Bedeutung von Selbstchecks hervor, in denen Studieninteressierte sich über das gewünschte Fach informieren und ihre Eignung dafür testen können. Studierende, die im Vorab-Selbsttest schlecht abgeschnitten und sich dennoch für das anvisierte Fach entschieden hätten, würden das Studium besonders engagiert betreiben. Seidler unterscheidet zwischen Studienanfängern und fortgeschrittenen Studierenden. Bei den Anfängern zeige die Studieneingangs- und -orientierungsphase (Steop) positive Wirkung. Beide Experten können sich hier auch fächerübergreifende Varianten vorstellen. Dass durch die Steop die Anfangsphase des Studiums „verschult“ wird, räumt Seidler ein. Die Kunst sei, dies im Laufe des Studiums zu lockern. Hier sieht die Uniko-Präsidentin ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Universitäten und FH.

Noch unbefriedigend ist für Seidler die Prüfungsaktivität vieler fortgeschrittener Studierender – auch wegen der hohen Quote der Erwerbstätigkeit. Seidler hatte sich bereits vor einem Monat für Verschärfungen wie eine Reduktion der möglichen Prüfungsantritte und Exmatrikulation von prüfungsinaktiven Studierenden ausgesprochen, was von Studierendenvertretern scharf kritisiert wurde.

 

Beidseitige Verpflichtungen

Sowohl Seidler als auch Faßmann bekräftigten, dass eine gewisse „Verbindlichkeit“ von Studierenden einzufordern sei. Dies bedingt für Faßmann im Gegenzug vonseiten der Universitäten, die Studierbarkeit der Curricula zu gewährleisten. Für Faßmann ist ein Prüfungsmonitoring denkbar, um Flaschenhälse zu identifizieren. Auch für Seidler ist die Qualität von Prüfungen „durchaus ein Thema“, die Uniko-Präsidentin setzt dabei auf universitätsinterne Audits. Die Prüfungsmodalitäten im Einzelnen zu regulieren, verstoße gegen die Lehrfreiheit. Seidler: „Es sind wenige Lehrveranstaltungen, wo es nicht funktioniert, es braucht keine allgemeinen Regeln, um Einzelfälle zu lösen.“ Hier müsse man auch mit den Lehrenden arbeiten. Ein weiterer Ansatz wäre für Seidler, mit den Studierenden das Gespräch zu suchen und sie mit Learning Agreements in ihrer aktuellen Situation abzuholen. Nachsatz: „Das geht nur bei kleinen Studierendenzahlen.“

 

Bezüglich der Finanzierung der Grundlagenforschung teilt

Seidler Faßmanns Optimismus nur bedingt. Sie befürchtet, dass die (in der Höhe noch nicht bekannten) Gelder nicht ausreichen, um alle drei geplanten Säulen der Grundlagenforschung – Exzellenzcluster, Emerging Fields und Chairs of Excellence – angemessen zu dotieren. Zudem sei die angedachte Eigenleistung der Universitäten in Höhe von 40 Prozent in nichttechnischen Disziplinen schwer darstellbar. Faßmann beharrt grundsätzlich auf einem finanziellen Commitment der Universitäten.

Einigkeit herrscht darüber, dass das Universitätsgesetz reformiert werden sollte. Ein wesentlicher Punkt ist die Regelung für befristete Kettenverträge. Seidler: „Irgendwann muss sich eine Universität entscheiden, ob sie einen Mitarbeiter anstellen will oder nicht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2020)