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Generationsclash

Samuel Koch: Gebt den Jungen das Kommando

Entrepreneur und Autor Samuel Koch präsentierte beim Wake Up der „Presse“ seine Gedanken über jene jungen Menschen, die etwas bewegen wollen, sich aber nicht verstanden fühlen.
Entrepreneur und Autor Samuel Koch präsentierte beim Wake Up der „Presse“ seine Gedanken über jene jungen Menschen, die etwas bewegen wollen, sich aber nicht verstanden fühlen.(c) Roland Rudolph
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Der junge Autor und Unternehmer Samuel Koch versteht zu provozieren. Die Alten sollen den Jungen die Bühne überlassen, so seine Grundthese. Beim „Presse“ Wake-up Business Breakfast am Dienstag bekam er Paroli.

„Ihr versteht die Welt nicht mehr“ schleudert Jungunternehmer Samuel Koch der Wirtschaftswelt – konkret: den Älteren – in seinem gleichnamigen Bucherstling entgegen: „Ihr versteht die Welt nicht mehr, in der wir leben und in der die Entscheidungen für die Zukunft fallen. Ich fordere euch auf, euch zurückzuziehen. Überlasst eure Positionen, welche auch immer das sind, jemandem von uns.“

Im Dezember verursachte der „Presse“-Artikel zum Thema einigen Wirbel. Online gab es heftige Kommentare: Von jugendlicher Naivität war da die Rede, von gesellschaftlicher Spaltung bis hin zur puren Profilierungsabsicht. Am Dienstag beim „Presse“ Wake-up Business Breakfast gab sich Koch vergleichsweise vorsichtig. Statt selbst zu attackieren, schob er „Julia“ vor, 19, eine junge Frau, die er coache. Julia sei „begabt, doch ihre Fähigkeiten fanden in der Schule wenig Anklang“. Das machte sie „einsam“.

Die Schuld liege „beim System“, hier beim Bildungssystem. „Wir werden wie die Zootiere ausgebildet, komplett unvorbereitet auf die Zukunft.“ Deshalb baue er, jetzt selbst einen Bildungscampus für unverstandene Talente wie Julia. Für die 15 oder 16 Prozent der Innovatoren und Early Adopter in der Gesellschaft, nicht für die breite Masse. Auch das sei ein Denkfehler der Etablierten: „Sie wollen immer die ganze Masse abholen.“  Koch wolle nur die Schnellen, die Beweglichen, die sich vor einem „Ruckeln im System“ nicht fürchteten. Mit ihnen als Multiplikatoren wolle er Unternehmen umgestalten. „Ich will ihr Botschafter werden.“

Ein Nordstern für Julia

Kochs zentrale Forderung ist, dass Unternehmen den Jungen die Verantwortung geben sollen. Dass das nicht nur auf Begeisterung stößt, ist ihm klar. Deshalb nimmt er auch gleich die Gegenargumente vorweg. Dass bei den Jungen „die Arbeitsmoral im Keller ist“ etwa. Wieder bringt er Julia ins Spiel: Sie hätte eine „vorbildliche Arbeitsmoral“, versichert Koch, doch das System halte nicht, was es ihr verspreche: „Das senkt ihre Moral irrsinnig.“

Julia, so das nächste Argument der Etablierten, ließe sich auch nicht richtig für die Agenden der Firma begeistern. „Ihr müsst ihr einen Nordstern geben, einen guten Grund, in der Früh aufzustehen!“ Genau darüber sollten sich „Corporates“ den Kopf zerbrechen: „Wie sie ihren Nordstern der Jugend nahebringen.“

Drittes Argument: Julia würde sich nicht ins System einfügen – nicht, weil sie „böse oder ungehorsam“ sei, verteidigt sie Koch, sondern weil sie überflüssige Hierarchien durchschaue: „Ihr müsst den jungen Menschen auf Augenhöhe begegnen!“ Sonst nämlich käme es zu Identitätskrisen: „Weil Julia dann nicht mehr weiß, wer sie ist.“ Die Folgen wären Verantwortungslosigkeit „Warum soll sie sich für etwas engagieren, das nur von der Hierarchie gestützt wird?“ und Anspruchsdenken „Weil Julia denkt, die Welt schuldet ihr etwas.“

Hört auf die Jungen, appelliert Koch, und zwingt ihnen keine „Visionen mit Ablaufdatum“ auf: „Lasst junge Menschen ihre Vision selbst entdecken!“

Mitdenken erlaubt

Das „Wake up“-Publikum, großteils Personalisten und 35+, ist durchaus gewillt, Kochs Worte ernst zu nehmen. Kritische Fragen sind dennoch erlaubt: Patrick Feuerstein, Unternehmensentwickler bei Henley & Partners, bevorzugt konstruktiv gemischte Teams gegenüber der Konfrontation von Jung und Alt. Ihm gefalle die Kreativität der Jungen, wo sie auch viel Engagement zeigten, sagt Feuerstein. Doch Kreativität sei nicht alles, er vermisse Verlässlichkeit in der Umsetzung und strukturierte Arbeit. Koch stimmt zu: „Das lehrt uns Instagram nicht. Es beschreibt nur einen Endzustand, nie den Weg dorthin.“ Es wäre Aufgabe der Unternehmen, den Jungen Umsatzstärke „über Success Stories ihrer Kreativität“ beizubringen.

Sichtlich beschäftigt die Personalisten Kochs Anspruch, den Jungen das Kommando zu überlassen. „Sie wollen Führungskräfte werden. Aber sie wollen keine Verantwortung tragen“, beobachtet Michael Bilina, Recruiting & Employer Branding bei der Allianz Versicherung, und Markus Wachter, zuletzt Head of HR bei Merkur, wirft ein, dass man nach Verantwortung nicht lang zu rufen brauche. Man könne sie sich einfach nehmen.

„Aber wo lernt man Verantwortung?“, wirft ein junger Maturant ein. „Bei mir am Campus“, antwortet Koch. Claudia Kernstock, Head of HR bei Thales Austria, warnt, „die Jugend über einen Kamm zu scheren“. Nicht alle würden begeistert am System ruckeln: „Manche sind gern retro, vintage und analog.“ Stefan Reichel, Coach bei der Hollenstein Gruppe, fragt nach, was denn die junge Generation einbringe, damit ihr die ältere die Verantwortung überlassen solle. „Wir wissen, wie die digitale Welt funktioniert“, antwortet Koch. Er schließt kryptisch: Man werde noch viel von „Julia“ hören.[Q9L3N]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2020)