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Junge Forschung

Marko Kölbl: Afghan-Pop und Totenklage

Die manchmal enge Verflechtung von Beruf und Privatleben stört Marko Kölbl nicht: „Ich mag, dass das, was ich mache, so viel mit mir zu tun hat.“
Die manchmal enge Verflechtung von Beruf und Privatleben stört Marko Kölbl nicht: „Ich mag, dass das, was ich mache, so viel mit mir zu tun hat.“(c) Caio Kauffmann
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Der Wiener Musikethnologe Marko Kölbl erforscht die Bedeutung von Musik und Tanz für Minderheiten und im Fluchtkontext – im Privatleben wie auch als rituelle Praxis.

Ein junger Mann in weißem T-Shirt und dunklen Jeans, mit schwarzer Sonnenbrille und Undercut-Haarschnitt tritt an einem sonnigen Tag ans Ufer des Mondsees. Zu ihm gesellt sich eine Frau mit langen Haaren, mondänem Hut, kurzem Rock und Stöckelschuhen. Hinterlegt ist diese Begegnung vor der Bergkulisse des Salzkammerguts mit Klängen der afghanischen Rubab-Laute und der indischen Tabla-Trommel. Der traditionelle Tanzrhythmus des Liedes wird durch Synthesizer–Elemente um einen poppigen Charakter erweitert. „Shab, shab“, heißt es darin. „Nacht, Nacht, mein Herz weint, wie Kinder es tun.“ Es geht, natürlich, um die Liebe.

 

Musikalische Spuren in der Diaspora

Das Lied stammt vom österreichisch-afghanischen Sänger Masih Shadab. Er ist in der jungen afghanischen Community hierzulande kein Unbekannter – immerhin sang er sich einst auf Platz zwei der Castingshow „Afghan Star“. „Afghanische Popmusik wird beeinflusst von indischer und persischer Musik, auch von den verschiedenen ethnolinguistischen Gruppen des Landes“, erklärt Marko Kölbl. Der Ethnomusikologe der Universität für Musik und darstellende Kunst beschäftigt sich seit 2016 mit Musik und Tanz im Kontext von Flucht und Migration. Sein besonderes Augenmerk gilt der afghanischen Community in Wien, die neue Klänge ins österreichische Musikleben bringt: „Das ist ein dankbares Feld, weil wir ihm quasi im Entstehen zuschauen können.“

Die Bildsprache von Videoclips wie jenem von Shadab führt Österreich als Ort der Musikpraxis explizit vor Augen. Kölbl interessiert sich in seiner Forschung aber nicht so sehr für die migrantischen Musikschaffenden selbst, sondern generell für die Bedeutung, die Musik und Tanz im Fluchtkontext einnehmen. Bei seiner Feldforschung arbeitet er eng mit jungen geflüchteten Afghanen, die in Wien leben, zusammen, das Modell der dialogischen Forschung ist dem Wiener mit burgenländischen Wurzeln wichtig: „Sie haben Expertise, die ich nicht habe – zur Sprache, zum kulturellen System und darin geltenden Normen, aber auch Körperwissen zu Tanz und Tanzbewegungen.“

Die kroatische Totenklage ist ein melodisiertes Weinen auf improvisiertem Text. Im privaten Raum wird sie zum Teil nach wie vor praktiziert.

Für Kölbl ist der Blick auf Musik und Tanz auch deshalb spannend, weil darin viel über Geschlechterverhältnisse und ihre Veränderungen sichtbar wird. „In Afghanistan gab es ein Musikverbot, das nach den Taliban moralisch fortwirkte, hier in Österreich lernen die jungen Menschen von dort Musik als Unterhaltung und die Normalität von gemischtgeschlechtlichem Tanz oft erstmals kennen. Auf Konzerte oder zu Clubbings zu gehen ist für viele eine neue Erfahrung.“ Dazu kommt, dass afghanische Musik zwar traditionell männlich sei, doch beliebte Shows wie „Afghan Star“, bei denen auch Sängerinnen – zunehmend ohne Schleier – auftreten, im Heimatland wie in der Diaspora Diskurse über Musik und Frauenrechte anregen.

Das Thema Musik und Minderheiten ist übrigens eng mit Kölbls Biografie verknüpft: Seine Mutter ist Burgenlandkroatin aus Stinatz, sein Vater klassischer Musiker, und so hat er seine Dissertation nicht ganz von ungefähr der Erforschung der kroatischen Totenklage gewidmet, einer musikalischen Praxis, die in den 1980er-Jahren von den Friedhöfen verschwunden ist. Er untersuchte dabei die musikalische Äußerung von Trauer weiblicher Verwandter von Verstorbenen und deren Oszillieren zwischen ritueller Praxis und individuellem Schmerz.

Aktuell beschäftigen ihn zwei über einzelne Projekte hinausgehende Themen: Zum einen will er seine ethnomusikalische Arbeit zur afghanischen Minderheit in Österreich gesellschaftspolitisch relevant machen und so zum Abbau von Diskriminierung der v. a. im medialen Diskurs sehr angefeindeten Gruppe beitragen. Zum anderen überlegt Kölbl, der auch Instrumental- und Gesangspädagogik studiert hat, in Richtung künstlerische Forschung tätig zu werden und musikalische Phänomene abseits der akademisch-sprachbasierten Form zu erfassen. „Ich habe eine Faszination für das Verkopfte, für Theorien, aber ich komme von der künstlerischen Praxis, und es ist mir wichtig, irgendwann einmal einen Bogen zu finden, damit der Kreis sich schließt.“

Zur Person

Marko Kölbl (33) promovierte 2017 am Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der Uni für Musik und darstellende Kunst in Wien über die kroatische Totenklage. Aktuell forscht er zur Bedeutung von Musik und Tanz im Kontext von Flucht und sitzt u. a. im Beirat des von Wittgenstein-Preisträgerin Ursula Hemetek neu gegründeten Music and Minorities Research Center.

Alle Beiträge unter: diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2020)