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Legendenbildung

Der Mythos und die Räucherkammer Kärntens

Abstimmungsgebiete für die Volksabstimmung in Kärnten am 10. Oktober 1920.
Abstimmungsgebiete für die Volksabstimmung in Kärnten am 10. Oktober 1920.(c) Wikipedia
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In Österreichs südlichstem Bundesland wird die Geschichte verklärt gesehen – und teilweise unter den Teppich gekehrt. Der Anlass zur Rückschau: Im Oktober jährt sich der Tag der Volksabstimmung zum 100. Mal.

„Aus dem Mythos ist die Geschichte nicht zu deuten, wohl aber der Mythos aus der Geschichte.“

Dem Philologen Walter Fanta vom Robert-Musil-Institut der Uni Klagenfurt geht es bei dieser Aussage um die unterschiedlichen Facetten des „Mythos Kärnten“. Er nimmt damit Bezug auf die von ihm mitorganisierte Ringvorlesung „Deutschnationalismus, hohe Schreibkunst und eine blutige Grenze?“ Am 10. Oktober 1920 fand die Kärntner Volksabstimmung über den Verbleib der südlichen Bezirke des Bundeslands zu Österreich statt. Vor dem 100-Jahr-Jubiläum werden in diesem Sommersemester an der Klagenfurter Uni Themen wie die literarisch-satirische Dekonstruktion des Kärnten-Mythos, das Bleiburg-Gedenken oder die Zweisprachigkeit behandelt. Es gehe um die „Räucherkammer des kollektiven Gedächtnisses“, sagt Fanta.

Räucherkammer? Auch hier bemüht der Klagenfurter Philologe ein unkonventionelles Bild über die Vergangenheit und das historische Weiterleben im südlichsten Bundesland. Was einmal gewesen war, sei vorbei, sei verwest. „Mit dem Räuchern kann man aber das Verwesen aufhalten.“

 

Es geht nicht um Wahrheiten

Die Vorträge und Diskussionen werden „keine Wahrheiten über die Geschichte Kärntens ans Licht bringen“, sagt Walter Fanta. Es gehe in der Ringvorlesung auch nicht um eine antipatriotische Veranstaltung im Gedenkjahr, um eine Verunglimpfung der Kärntner Heimat und ihrer Bevölkerung. Auch nicht um eine Plattform, die „linken Kräften eine Bühne zur Beschimpfung Kärntens liefert“. Dennoch: Um den 2008 tödlich verunglückten Jörg Haider kommt man – natürlich – nicht herum, und ein Seitenhieb auf den derzeit amtierenden FPÖ-Landeschef, Gernot Darmann, darf auch nicht fehlen („Gernot Darmann laden wir ein, Platz zu nehmen, vielleicht lernt er noch etwas“).

Kärnten sei schon deswegen von Mythen geprägt, weil man vieles nicht aufgearbeitet habe. „In der Wirklichkeit ist ja alles aus der Geschichte noch da, aber vieles wurde unter den Teppich gekehrt.“ Die Kärntner, die kollektiv um Haider getrauert haben, sind die Gleichen geblieben, aber manches aus seinem Leben wird heute als anrüchig empfunden. Und wie sieht man heute den „Mythos Kärnten“? Walter Fanta: „Mythen sind eine einfache Aussage, in der komplexe historische Verhältnisse abgebildet werden.“ Allerdings: Mythen würden sich ständig verändern, man müsse offenlegen, was konstant bleibt. Wie eben in der aktuellen Ringvorlesung.

Nach einer Eröffnung am Mittwoch dieser Woche beginnen die 14 folgenden Vorlesungen am 11. März. Das Feld wird nicht nur den Historikern überlassen, vielmehr treffen Vortragende aus den Disziplinen der angewandten Kulturwissenschaften, Germanistik und Erziehungswissenschaften auf Pädagogen, Psychologen, Kulturanalytiker und natürlich auch auf Vertreter der Landesgeschichte. Zur Vortragsreihe sei die gesamte Kärntner Bevölkerung eingeladen, sagt Fanta. Sein angepeiltes Ziel: ein tabuloser Umgang mit der von Mythen geprägten Landesgeschichte.

Lexikon

Kärnten-Geschichte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Südkärnten, für kurze Zeit auch Klagenfurt, von Truppen des SHS-Staats (Serbien, Kroatien, Slowenien) besetzt. Die Kärntner lieferten im Abwehrkampf erbitterten Widerstand. Bei der am 10. Oktober angesetzten Abstimmung in den vier südlichen Distrikten votierten 59 Prozent für den Verbleib bei Österreich – wobei in diesem Gebiet ca. 70 Prozent der Bevölkerung Slowenen waren.

Uni Klagenfurt. Walter Fanta und Dominik Scrienc vom Robert-Musil-Institut leiten eine Ringvorlesung zum „Mythos Kärnten“. Bis zum 24. Juni finden jeweils am Mittwoch (17.30 Uhr) Vorträge statt, zu der die Öffentlichkeit eingeladen ist (siehe Uni-Website).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2020)