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Kolumne zum Tag

Apokalypse später

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Irgendwelche Weltverbesserer klingeln genau dann, als ich unter der Dusche stehe.

Sie kennen das sicher. Wenn man extra zu Hause bleibt, weil man auf ein Packerl wartet, passiert Folgendes: Es kommt fix nicht an diesem Tag. Oder es kommt, aber der Zusteller macht sich gar nicht erst die Mühe zu läuten, man wartet und wartet und findet, wenn man dann doch wagt, das Haus zu verlassen, unten einen Abholzettel. Oder aber es läutet tatsächlich – nur ist es dann natürlich nicht der Paketzusteller.

Sondern, so geschehen vor einiger Zeit, irgendwelche Weltverbesserer, die genau dann klingeln, als ich unter der Dusche stehe. In der naiven Hoffnung, es könnte sich um den Zusteller handeln, stürme ich sogleich klitschnass zur Gegensprechanlage, über die ich die Stimme einer freundlichen Dame vernehme. Sie sei gekommen, um mit mir zu reden. Darüber, ob meiner Meinung nach der Untergang der Welt noch aufzuhalten sei. Spannende Frage so insgesamt, die man womöglich in einem anderen Rahmen – beim Philosophicum Lech vielleicht – eher erwarten würde als vormittags durch eine rauschende Gegensprechanlage. „Ich weiß nicht“, sage ich, während ich den Vorzimmerboden volltropfe, „ob in dieser Frage meine Meinung viel zur Sache tut. Und außerdem bin ich eigentlich gerade im Bad.“ „Oh, Verzeihung“, sagt die nette Weltuntergangs-Dame, in diesem Fall wolle sie nicht länger stören.

Und das ist natürlich schon interessant: Einerseits macht sich jemand die Mühe, extra in einem Wohnhaus in 1050 zu läuten, um sich nach meiner Meinung zum Ende der Welt zu erkundigen. Andererseits, da ich gerade nicht kann, wird sogleich auf diese meine Meinung zum Weltuntergang verzichtet. Später wiederzukommen hatte die Dame nicht eingeplant. (Zeit hätte ich paketerwartenderweise ja gehabt.) Fast bin ich also enttäuscht, wie schnell meine Meinung in dieser doch nicht ganz irrelevanten Frage unbedeutend geworden ist.

Das Packerl ist natürlich auch nicht gekommen, ich musste es in einem Abholshop aufklauben, in dem es ob einer geringen Größe tagelang in den Paketmassen unauffindbar war. Über meine Meinung zu diesem Thema können wir übrigens gern jederzeit sprechen.

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2020)