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Flüchtlingskrise

Warum an der bulgarischen Grenze Ruhe herrscht

Dass es im Gegensatz zur griechisch-türkischen Grenze kaum Flüchtlinge auf bulgarischer Seite gibt, hat mehrere Gründe.
Dass es im Gegensatz zur griechisch-türkischen Grenze kaum Flüchtlinge auf bulgarischer Seite gibt, hat mehrere Gründe.(c) REUTERS (FLORION GOGA)
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Bulgariens Premier Borissow und der türkische Staatschef Erdoğan sind alte Bekannte – mit ein Grund, warum die türkischen Behörden Migranten und Flüchtlinge bisher nur Richtung Griechenland geschickt haben.

Wien/Sofia. 260 Kilometer ist die Landgrenze zwischen Bulgarien und der Türkei lang. Sie ist durch Zäune mit Stacheldraht und mit Thermokameras gesichert. Doch im Gegensatz zur griechisch-türkischen Landgrenze gibt es derzeit kaum Andrang von Flüchtlingen, die im Zuge der Eskalation des Konflikts in Syrien aus der Türkei kommend Richtung Europa wollten. Das berichten Journalisten, die vor Ort sind und das konnte auch die Spitze der EU mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sowie Ratschef Charles Michel am Dienstag bei einem Hubschrauberflug entlang der Grenze feststellen. Begleitet wurden sie auf der bulgarischen Seite von Ministerpräsident Bojko Borissow.

Dabei hätte Bulgarien laut der Internationalen Migrationsorganisation IOM durchaus das Potenzial, bis zu 10.000 Flüchtlinge rasch aufzunehmen. Denn während der Krise 2015/16, als viele Flüchtlinge über Bulgarien nach Europa kamen, wurden zahlreiche Aufnahmezentren errichtet, die jetzt so gut wie leer sind, weil fast alle Flüchtlinge weiter Richtung Westen reisten.

 

Bürgermeister unter sich

Dass es im Gegensatz zur griechisch-türkischen Grenze kaum Flüchtlinge auf dieser Seite gibt, hat mehrere Gründe. Etwa nennen Beobachter die sehr guten persönlichen Beziehungen zwischen Borissow und dem türkischen Staatschef, Recep Tayyip Erdoğan. Die beiden Politiker kennen sich noch aus Zeiten, als Erdoğan Bürgermeister von Istanbul und Borissow Bürgermeister von Sofia war. So war es auch nicht verwunderlich, dass der bulgarische Premier schon am Sonntag, noch ehe die EU-Spitze in die Krisenregion reiste, zu Besuch in Ankara war und dort sehr deutlich für Erdoğan Partei ergriffen hat. „Die EU hat das Geld der Türkei gewidmet. Ich kann nicht verstehen, wieso die EU nicht auszahlt.“

Das freute Erdoğan – auch wenn die EU-Spitze dies am nächsten Tag anderes bewertete. Jedenfalls berichten bulgarische Medien, dass die türkischen Behörden die Flüchtlinge bewusst nicht Richtung bulgarischer, sondern zur griechischen Grenze schickten.

In einem Bericht der „Deutschen Welle“ über Sofias Rolle werden aber auch noch andere Gründe dargelegt. Bulgarien ist zwar EU-Mitglied, aber im Gegensatz zu Griechenland ist es nicht Teil der Schengen-Zone und auch nicht der Eurozone. Griechenland schon, was seine Attraktivität für Flüchtlinge erhöht. Außerdem ist die Route über Bulgarien in den Westen länger.

 

Misshandlungen und Schläge

Ein weiterer Grund für die relative Ruhe an der Grenze dürfte auch sein, dass Bulgariens Grenzer bei den Migranten einen schlechten Ruf haben. Unter den Flüchtlingen kursieren Berichte über frühere Misshandlungen und Schläge durch Polizisten.

Dazu kommt laut dem DW-Bericht, dass ein großer Teil der bulgarischen Bevölkerung – auch aus historischen Gründen – eine kritische Einstellung gegenüber muslimischen Migranten hat. In Erinnerung sind noch die Berichte über selbst ernannte „Bürgerwehren“, die während der Flüchtlingskrise 2015/16 zahlreiche Migranten beraubt und schikaniert haben. (gb)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2020)