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Theaterfestival

„König Johann“ findet Land in Wiener Neustadt

„König Johann“
„König Johann“(c) Andrea Klem
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Neues Festival startet mit einem Historiendrama in den Kasematten.

Wiener Neustadt hat ein neues Theaterfestival. Seine Intendantin, Anna Maria Krassnigg, bespielt mit ihrer „Wortwiege“ mehrere Räume in den Kasematten. Die Ursprünge dieser Wehranlage reichen bis ins zwölfte Jahrhundert zurück. Damals finanzierte Österreichs Herzog Leopold, der Englands König Richard Löwenherz gefangen genommen hatte, mit dessen Lösegeld auch die Gründung der Grenzstadt. Was also läge näher, als das Festival, das 2020 unter dem Motto „Bloody Crown“ steht, mit William Shakespeares „König Johann“ (in Friedrich Dürrenmatts Bearbeitung) zu beginnen? Löwenherz ist zwar schon tot, doch der feudale Furor bleibt. Richards Bruder Johann „Ohneland“ muss sich gegen Frankreichs König Philipp, den Papst und Englands stets zum Aufstand bereiten Adel behaupten. Für den Gewinn opfern alle Parteien in den Schlachten massenhaft Volk. Zugleich erlebt man eine brutale Familiengeschichte quer durch die Reiche. Fast jeder Streit ums Erbe wird zum Krieg.

 

Die Witwe wird zum Kardinal

All die Verwicklungen dieses frühen, rhetorisch bereits kunstvoll gedrechselten Shakespeare-Stücks hat Krassnigg intelligent und meist schlüssig inszeniert. In knapp zwei Stunden steigert sich das anfangs noch etwas gehemmte siebenköpfige Ensemble (mit 14 Rollen) in eine Historien-Tragödien-Komödie, der es an Zynismus nicht mangelt. Der Hauptteil des Geschehens spielt sich an und auf einem abschüssigen langen Holztisch-Laufsteg ab, den an drei Seiten das Publikum säumt. Auftritte erfolgen zumeist rasant durch einen anschließenden Kuppelsaal.
Die Kellerräume haben Atmosphäre, geschickte Beleuchtungstechnik verstärkt sie. Horst Schily bleibt als ziemlich alter Johann etwas blass, mehr Farbe verleiht Jens Ole Schmieder Frankreichs König. Hervorragend besetzt mit Niko Lukic ist die Paraderolle des Bastards, der den stärksten politischen Instinkt hat. Petra Staduan führt als Blanka vor, dass sie exzessiv singen kann. Nina C. Gabriel erheitert als simpler Herzog von Österreich mit Gags, als Königinmutter Eleonore ist sie schwächer. Isabella Wolf überzeugt auch eher als aasiger Kardinal denn als Witwe. Besonders vielseitig ist Julian Waldner in sechs Rollen – stets blitzschnell verwandelt und toll gemacht.

Termine beim Festival „Bloody Crown“ bis 19. April, in den Kasematten in Wr. Neustadt (Bahngasse 27). Details unter www.wortwiege.at/programm-2020/. Eine Uraufführung folgt am 12. März (19.30 Uhr): „Die Königin ist tot“ nach dem Roman von Olga Flor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2020)