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Literatur

Der Mörder aus dem Reich der Toten

Cai Jun begann mit 20 Jahren zu schreiben, in seiner Heimat zählt er zu den erfolgreichsten Thriller-Autoren.
Cai Jun begann mit 20 Jahren zu schreiben, in seiner Heimat zählt er zu den erfolgreichsten Thriller-Autoren.(c) DR / Cai Jun
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Cai Jun gilt als der chinesische Stephen King. Mit „Rachegeist“ legt er einen originellen und spannenden Thriller mit einer höchst imposanten Opferzahl vor.

Es muss nicht immer Corona sein. Auch wenn chinesische Exporte derzeit aufgrund des sich rasant verbreitenden Virus kein besonders gutes Image haben, kommt doch immer wieder auch Gutes aus dem Reich der Mitte in den Westen. Wie „Rachegeist“, das erste auf Deutsch erschienene Buch von Cai Jun, der in seiner Heimat mit 13 Millionen verkauften Büchern zu den erfolgreichsten Thriller-Autoren zählt. Darüber hinaus ist er noch einigermaßen im englischen Sprachraum bekannt, ein wenig auch in Frankreich.

Letzteres hat sich für Cai Jun allerdings ausgezahlt, denn dort wurde ihm von einem Kritiker ein potenziell äußerst verkaufsförderndes Label verpasst: „Der chinesische Stephen King“. „Rachegeist“ wird diesem Anspruch durchaus gerecht – auf ganz eigene Art, mit sehr chinesischem Sound und viel Spannung, wenn auch mit kleinen Schönheitsfehlern (wie der etwas holprigen Übersetzung).

Die Geschichte beginnt am 5. Juni 1995 im Nanming-Gymnasium in Peking. Auf dem Dach der Bibliothek wird die Leiche der Schülerin Liu Man gefunden. Dem Mädchen wurde ein Nahverhältnis zu dem allseits beliebten und geachteten Lehrer für Literatur, Shen Ming, nachgesagt, der selbst kurz vor der Hochzeit mit der Tochter eines prominenten Kaders steht und sehr schnell unter Mordverdacht gerät. Dieser kann allerdings nie restlos aufgeklärt werden, denn zwei Wochen später, am 19. Juni 1995, wird Shen Ming selbst Opfer eines Gewaltverbrechens.


Mysteriöser Wiedergänger. Das ist allerdings erst der Beginn der Geschichte, die in fünf Teilen und vielen Vor- und Rückblenden im Zeitraum zwischen 1983 und 2014 erzählt wird. Denn 1995 wird ein Junge geboren, der neun Jahre später mit seiner Hochbegabung und seiner ungewöhnlich erwachsenen Art für Aufsehen sorgt: Si Wang. Unter anderem erregt er die Aufmerksamkeit von Shen Mings ehemaliger Verlobten Gu Qiusha, die sich gemeinsam mit ihrem auf seinen eigenen Vorteil bedachten Vater 1995 von dem unter Mordverdacht stehenden Lehrer abgewandt hat. Qiusha, die selbst keine Kinder bekommen kann, fühlt sich zu Si Wang hingezogen und adoptiert den Jungen. Kurz darauf bricht allerdings ihre schöne reiche Welt in sich zusammen. Hatte der mysteriöse Bub etwas damit zu tun? Ganz offenbar hält er sich für die Wiedergeburt des Lehrers Shen Ming und setzt in dessen Namen zu einem umfassenden Rachefeldzug an.

An diesem Punkt trifft Stephen King auf buddhistische Philosophie, gipfelt Rache als treibendes existenzielles Motiv in einer imposanten Opferzahl von fast Shakespeare'schem Ausmaß. Viele der handelnden Personen sind nach 500 Seiten nicht mehr am Leben. Was unter anderem deshalb schade ist, weil der deutsche Durchschnittsleser wahrscheinlich ziemlich lange braucht, um sich alle Namen zu merken beziehungsweise sie auseinanderzuhalten. Ein Personenregister am Anfang des Buches ist hilfreich, als die Lektüre erleichternde Gedächtnisübung empfiehlt sich, die Namen auswendig zu lernen (Familiennamen stehen zuerst).

Cai Jun, der schon im Alter von 20 Jahren zu schreiben begann und sich sehr schnell mit Thrillern mit einem guten Schuss Horror einen Namen machte, überschreitet in „Rachegeist“ allerdings nie die Grenze zur Grauslichkeit. Seine Schilderungen der diversen Morde klingen erstaunlich unpersönlich. Die Handlung bleibt durchwegs spannend, erfordert aber zum Teil einige Konzentration.


So lebt das junge China. Zu den interessantesten Aspekten von „Rachegeist“ zählt das Lebensgefühl im modernen China. Vor allem die Sehnsüchte und Probleme der Jugend werden einfühlsam dargestellt – einer Generation, die gefangen ist zwischen Leistungsdruck und Konsumwut, Determination durch Herkunft und Protektion, Respekt vor den Eltern und dem Drang, aus dem starren System auszubrechen. „Rachegeist“ ist nicht perfekt, im Einheitsbrei gängiger Krimis und Thriller bietet der Roman aber definitiv abwechslungsreiche Kost.

Neu Erschienen

Cai Jun
Rachegeist


Übersetzt von
Eva Schestag
Piper
510Seiten
16,50Euro

 

Erscheint am 16.März auf Deutsch

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2020)