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Am Herd

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Hannah zieht also aus, diese Woche hat sie den Mietvertrag unterschrieben. Ich habe geglaubt, ich würde traurig sein, aber jetzt bin ich seltsam froh.

Da stehe ich nun also, mit Hannah und ihrem Freund Lukas, in ihrer künftigen Wohnung, den Pinsel in der Hand. Alle tragen wir fadenscheinige weiße T-Shirts und die löchrigsten Socken, die ich finden konnte. Ich habe mit ihnen die Sesselleisten und die Fensterlaibung abgeklebt, eine Plastikplane ausgelegt, ihnen gezeigt, welche Konsistenz die Farbe haben muss, damit sie sich zügig verarbeiten lässt und nicht zu viel spritzt und mich ein bisschen über das handwerkliche Geschick des Vormieters lustig gemacht: Die Decke schaut total fleckig aus. Aber nicht mehr lang. Wir freuen uns, dass es endlich losgehen kann, die Vorbereitungsarbeiten haben länger gedauert als geplant. Auch, weil keiner von uns daran gedacht hat, dass es in der neuen Wohnung keine Schere gibt.


Hang zur Wehmut. Wir malen. Seite an Seite. In zwei Wochen wird dort, wo ich gerade die Ecke auspinsle, Hannahs Schreibtisch stehen. Und wo jetzt das Werkzeug liegt, kommt ihr Schrank hin. Ich habe immer geglaubt, ich würde sehr traurig sein, wenn sie auszieht, ich habe schließlich einen Hang zur Wehmut, wenn es um die Kinder geht. Als wir Hannahs ersten Geburtstag feierten, habe ich geweint, weil die Zeit so rasch vergangen war, weil sie kein Baby mehr war und nie mehr eines sein würde. Und an Marlenes letztem Kindergartentag war ich untröstlich.

Aber jetzt fühlt es sich gar nicht traurig an. Vielleicht, weil so viel zu tun ist? Weil ich im Moment Hannah besonders nahe bin, nicht nur beim Malen, sondern weil sie immer wieder meinen Rat sucht und Spaß daran hat, mit mir Pläne für die Einrichtung der Küche zu wälzen. Vielleicht, weil ich mich für Marlene freue, die jetzt endlich ein eigenes Zimmer bekommt (auch einmal ein Kolumnen-Thema: Was es mit Geschwistern macht, wenn sie sich einen Raum teilen müssen). Vielleicht, weil es einfach Zeit ist, für sie. Und deshalb auch für mich.


Frühlingstag. Vielleicht aber kommt die Wehmut auch erst später, wenn ihr Platz am Esstisch leer bleibt und niemand mehr in ihrem Bett schläft. Denn das Bett behalten wir. Für alle Fälle und für Besuche.

Ich muss gehen. Die beiden bleiben noch und malen weiter, es gibt noch viel zu tun, aber nichts mehr, wofür es mich unbedingt brauchte. Ich schärfe ihnen noch ein, die Pinsel und die Rollen ordentlich zu säubern, sie lassen sich meine Belehrung gefallen, ohne Zeichen des Missmuts. Ein Bussi für Hannah. Eine vorsichtige Umarmung für Lukas (Achtung, Farbe!). Dann gehe ich. Draußen ist es überraschend mild geworden. Ein Frühlingstag. Passt.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2020)