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Saudisch-russischer Preiskrieg

Ölpreis bricht um 30 Prozent ein

(c) REUTERS (Nick Oxford)
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Der Absturz der Sorte Brent um mehr als 30 Prozent ist der größte Rückgang seit Jänner 1991. Experten sagen einen länger andauernden Konflikt zwischen Saudiarabien und Russland voraus. Die IEA rechnet erstmals seit 2009 mit sinkender Erdöl-Nachfrage.

Schwarzer Montag am Ölmarkt: Zum Wochenauftakt sind die Ölpreise heftig abgestürzt. Nach gescheiterten Verhandlungen führender Ölstaaten über eine Drosselung der Fördermenge zur Stabilisierung der Ölpreise gab es den stärksten Einbruch seit fast 30 Jahren. Zudem belastet die Coronavirus-Krise immer mehr. Montagfrüh büßten Rohöl aus der Nordsee und Rohöl aus den USA je mehr als ein Viertel ein.

Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete zuletzt 33,51 US-Dollar (29,56 Euro). Damit lag der Preis 11,76 Dollar oder knapp 26 Prozent unter dem Niveau vom Freitagabend. Der Preis für amerikanisches Rohöl der Sorte WTI sackte 11,59 Dollar oder 28 Prozent auf 29,69 Dollar ab.

Marktbeobachter sprachen vom stärksten prozentualen Einbruch am Ölmarkt seit dem Golfkrieg 1991. Damals waren die Ölpreise nach der irakischen Invasion in Kuwait zunächst rasant gestiegen. Als sich am Ölmarkt aber keine Engpässe gezeigt hatten, waren die Notierungen schnell gefallen.

Die Ölpreise sind zum Wochenauftakt auf den tiefsten Stand seit Anfang 2016 zurückgefallen. In der Spitze rutschte der US-Ölpreis bis auf 27,34 Dollar und der für Brent-Öl auf 31,02 Dollar ab. Als Ursache für den Einbruch gelten die gescheiterten Verhandlungen des Ölkartells OPEC mit den in der sogenannten OPEC+ zusammengefassten Förderländern wie Russland. Am vergangenen Freitag konnten sich die Verhandlungspartner der OPEC+ - für alle Beobachter überraschend - auf keine neue Vereinbarung einigen. Selbst eine Verlängerung der bestehenden Förderbeschränkung fehlte in der Abschlusserklärung der beteiligten Staaten.

Der Streit zwischen Saudi-Arabien und Russland über die künftige Fördermenge scheint weiter zu eskalieren. Laut Finanzagentur Bloomberg könnten die Saudis die Fördermenge in den kommenden Monaten erhöhen. Demnach könnte die Fördermenge des führenden OPEC-Landes bis auf eine neue Rekordmarke von 12 Mio. Fass Tag erhöht werden, hieß es weiter - die letzten Jahre waren es meist an die 10 Mio. Barrel pro Tag gewesen. Das könnte andere Ölstaaten wie Russland ebenfalls provozieren, über eine höhere Fördermenge nachzudenken.

Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) am Montag unter Berufung auf namentlich nicht genannte Teilnehmer der russischen Delegation bei den Verhandlungen der OPEC+ in Wien berichtete, sei die Abkehr Russlands vom Ölkartell auch als "Kampfansage an die Vereinigten Staaten zu verstehen". In den vergangenen Monaten hatten demnach neue Sanktionen aus Washington für Unmut in der russischen Regierung gesorgt. Unter anderem wurde auf die im Februar verhängten Strafmaßnahmen der USA gegen eine Tochtergesellschaft der russischen Rosneft verwiesen.

Der durch die Entscheidung Moskaus ausgelöste Ölpreisverfall dürfte auch Folgen für die amerikanische Förderung per Fracking-Methode haben, sagte Julian Lee, Rohstoffexperte der Nachrichtenagentur Bloomberg. Bei dieser Methode wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohen Druck in Gesteinsschichten gepresst, um so Öl zu gewinnen. Sie ist relativ kostspielig und rentiert sich nur bei eher hohen Preisen - bei dem aktuellen Niveau könnten viele Unternehmen ihre Förderung in dem Bereich einstellen.

Zudem belastet nach wie vor die Sorge vor den wirtschaftlichen Folge der Coronavirus-Krise die Ölpreise. Derzeit werden zahlreiche Prognosen für das Wachstum der Weltwirtschaft nach unten revidiert, was auch zu einer geringeren Nachfrage nach Rohöl führen dürfte.

IEA rechnet mit sinkender Erdöl-Nachfrage

Die Internationale Energie-Agentur (IEA) rechnet wegen der Ausbreitung des Coronavirus in diesem Jahr erstmals seit 2009 mit einem sinkenden Erdöl-Verbrauch. Die weltweite Nachfrage dürfte voraussichtlich um 90.000 Barrel (ein Barrel entspricht 159 Liter) pro Tag im Vergleich zum Jahr 2019 sinken, erklärte die Agentur am Montag in Paris. Zuvor hatte sie noch mit einem starken Anstieg gerechnet.

In einem pessimistischen Szenario hält die IEA sogar einen Rückgang um 730.000 Barrel pro Tag für möglich. Vorausgesetzt ist, dass sich das Virus stärker ausbreitet als bisher angenommen wurde und die betroffenen Regionen längere Zeit brauchen, um sich wirtschaftlich davon zu erholen.

Nach einem dritten Szenario könnte die Nachfrage aber auch um 480.000 Barrel pro Tag zunehmen: Unter dieser optimistischen Annahme müsste die Lage in China schnell unter Kontrolle geraten und schwere Auswirkungen in Europa und Nordamerika vermieden werden.

Das Coronavirus "hindert den Menschen- und Güterverkehr", betonte der Exekutivdirektor der Agentur, Fatih Birol. Besonders stark getroffen sei China als "größter Energiekonsument der Welt".

Russland setzt Kauf von Fremdwährung aus

Als Reaktion auf den Einbruch bei den Ölpreisen will die russische Zentralbank den Kauf von Fremdwährungen vorübergehend aussetzen. Dies solle 30 Tagen gelten, teilte die Notenbank am Montag der Staatsagentur Interfax zufolge mit. Mit der Maßnahme sollen Kapitalflucht und ein Rubelverfall durch den Einbruch der Ölpreise verhindert werden.

Die Menschen in Russland können über ihre Banken dann keine fremden Währungen kaufen. Die Zentralbank teilte mit, mit diesem Schritt sollten die Schwankungen an den Finanzmärkten bei "großen Veränderungen auf dem weltweiten Ölmarkt" verringert werden.

Das russische Finanzministerium versuchte Montag früh Sorgen zu zerstreuen, dass der Staat bei dauerhaft niedrigen Ölpreisen Aufgaben womöglich nicht mehr wahrnehmen könnte. In diesem Fall könne auf Mittel aus dem Nationalen Wohlfahrtsfonds zurückgegriffen werden, hieß es. Dieser verfüge über genügend Geld und könne Verluste ausgleichen.

(APA/dpa-AFX)