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Konzert

Marcus King: Joplin, Brown und Hendrix in einer Stimme

Jahrhunderttalent aus Greenville, South Carolina: Marcus King glaubt an die Vergangenheit der Rockmusik. Bei seinem Konzert im Hamburger Mojo-Club brachte er unter anderem „Hot 'Lanta“ von den Allman Brothers und „Spanish Moon“ von Little Feat.
Jahrhunderttalent aus Greenville, South Carolina: Marcus King glaubt an die Vergangenheit der Rockmusik. Bei seinem Konzert im Hamburger Mojo-Club brachte er unter anderem „Hot 'Lanta“ von den Allman Brothers und „Spanish Moon“ von Little Feat.(c) Fantasy
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Cool sein wollen eh zu viele: Der 23-jährige Marcus King aus South Carolina eröffnet seinen Hörern eine vergessene Welt der Leidenschaft. In Hamburg faszinierte er mit einem zischenden Gebräu aus Soul und Blues.

Hemd mit Blumenmuster, Glockenhose, Hut mit Feder – schon rein äußerlich sah alles nach den frühen Siebzigerjahren aus. Lässig schlurfte die Band in den gefährlich vollen Hamburger Mojo-Club und entriegelte mit „Turn It Up“ einen schweren Bluesboogiekracher, der sofort klarmachte: Die Vergangenheit des Rock 'n' Roll, sie lebt vitaler als das meiste, was sich als Gegenwart der Popmusik inszeniert.

Marcus King ist ein Phänomen. Er ist erst 23 Jahre alt, hat vier Alben aufgenommen und klingt, als wären durch eine Laune der Natur Janis Joplin, James Brown und Jimi Hendrix in einem Musiker zusammengefasst worden. US-Country-Rock-Star Chris Stapleton hat ihn sich als Vorprogramm für seine kommende US-Tournee gekrallt, und Eric Clapton hat ihm „sweet words“ geflüstert, die er, wie er im Gespräch mit der „Presse“ sagte, nicht im Detail wiedergeben möchte. Wäre ja billig. Den einfachen Weg ist King nie gegangen. Der Sohn eines Gitarristen war in der Schule schlecht, in der Musik rasch ein Genie. Zu seinem erdigen Gitarrenspiel kam ein Gesang, in dem der Kummer von vielen Generationen widergespiegelt scheint.

Auf der Bühne kennt King keine Scheu, wenn es darum geht, Verletzlichkeit und Sensibilität auszudrücken – notfalls umkränzt von krachenden Gitarrenklängen. Nach einem wummernden „Never in My Life“ der fast vergessenen Hardrock-Formation Mountain ging es zu den Liedern seines famosen neuen Albums, „El Dorado“. Das Wunder seiner eigenen Lieder ist, dass sie im Grunde sehr simpel gestaltet und von anhaltender Magie sind. Drängende Balladen wie „Love Song“ und „Beautiful Stranger“ etwa oder das zart groovende „One Day She's Here“: Hier kam Kings süchtigmachende Sandpapierstimme erstmals voll zur Geltung. Sie ist Garant dafür, dass sich das Geheimnis dieser Lieder nicht abnützt.

„Pretty little girl in a Coup de Ville, saw her disappear up across the hill. One day here, now the next, she's gone, didn't even get to hear me sing my song“, intonierte King hochmelodisch. Dieser junge Mann kann die Kunst der schönen Klage wieder in der Popmusik reetablieren. Cool sein wollen eh zu viele. Bei der Coverversion von Little Feats „Spanish Moon“ kam die Bläsersektion auf Betriebstemperatur. Auch der Keyboarder und der Leadgitarrist flirteten mit komplexen Tonfolgen. Bevor alles in einen endlosen Jam ausarten konnte, gab King diesen Momenten der Uferlosigkeit mit seinem pointierten Gesang Richtung.

Er würgte zärtlich seine Gitarre

Dabei würgte er seine eigenen Gitarre zärtlich, entlockte ihr vogelartige Geräusche. Im Zugabenblock entriegelte er schließlich noch den nachdenklichen Groove von „Rita Is Gone“. Mit samtiger Stimme vergoldete er darin multiple Verlassenheitsängste. Dann ging es nahtlos über zu Neil Youngs patiniertem Kracher „Down by the River“. Das manische „The Well“ beendete den fabelhaften Abend eines Musikers, der klarmachte, dass die Idee des permanenten Fortschritts in der Popmusik Unfug ist. Wo zu viele Musiker von den Ansprüchen der Zukunft gelähmt sind und nur steriles Zeugs produzieren, bleibt ein Marcus King gelassen. Er weiß, dass er mit seinen Gaben den Hörern verlässlich eine vergessene Welt der Leidenschaft eröffnet. Und war Romantik jemals retro? Eben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2020)