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Gastkommentar

Coronavirus: Das Verhalten einiger Politiker ist bestürzend

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Um eine Krankheit wie Covid-19 einzudämmen, die die Welt bedroht, ist die Wissenschaft gefragt und nicht Gebete.

Im September 1923 verwüstete das „Große Kanto-Erdbeben“ weite Teile von Tokio, vor allem infolge von Feuerstürmen, die ausgelöst wurden. Gerüchte ‒ die oft in populären Zeitungen wiederholt wurden ‒ machten die Runde, in denen behauptet wurde, die Koreaner, eine verachtete und arme Minderheit, wollten die Katastrophe ausnutzen und eine gewalttätige Rebellion anzetteln. Japanische Bürgerwehren, bewaffnet mit Schwertern, Bambusspeeren und sogar Gewehren, griffen dann jeden an, der koreanisch klang oder aussah. Bis zu 6.000 Menschen wurden ermordet, während die Polizei zuschaute und manchmal auch mitmachte.

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Dabei handelt es sich nicht um ein Phänomen, das auf Japan beschränkt ist. Mobs, die missliebige Minderheiten massakrieren, sind nach wie vor nur allzu häufig anzutreffen. Als Hindus vor kurzem in Delhi anfingen Muslime zu ermorden, war die indische Polizei ebenso passiv, oder schuldig, wie die japanischen Behörden 1923. Man muss nicht weit in die europäische oder amerikanische Geschichte zurückgehen, um ähnliche oder noch schlimmere Fälle von Lynchjustiz und Massenmord zu finden.

Irrationale Gewalt entsteht oft aus Panik. Und Panik kann leicht während einer Gesundheitskrise oder nach einer Naturkatastrophe entstehen. Der Mangel an wahrheitsgetreuer öffentlicher Information kann Verschwörungstheorien nach sich ziehen, die tödlich enden, wenn sie von Politikern oder den Medien vorsätzlich geschürt werden.

Im Japan des Jahres 1923 forderte das Innenministerium Polizisten auf, nach Koreanern Ausschau zu halten, die Ärger zu suchen schienen. In Delhi stachelte ein Lokalpolitiker der regierenden Bharatiya Janata-Partei, Kapil Mishra, die Menschen zu Gewalt an, indem er ankündigte er werde eine friedliche muslimische Demonstration selbst beenden, wenn die Polizei nicht vorher hart durchgreift.

Glücklicherweise hat es bisher keine Massaker gegeben.

Könnte die gegenwärtige Panik angesichts des neuen Coronavirus Covid-19 ähnliche Folgen haben? Glücklicherweise hat es bisher keine Massaker gegeben. Aber das Verhalten einiger Politiker war, gelinde gesagt, bestürzend. In Italien behauptete der rechtsextreme Oppositionsführer Matteo Salvini, Migranten stellten als Träger des Virus eine Bedrohung für das Land dar, und kritisierte die Regierung für die Rettung einer Reihe afrikanischer Flüchtlinge. Rechtsnationalisten in Griechenland fordern Konzentrationslager für Flüchtlinge, um die Bevölkerung vor einer Ansteckung zu schützen.

Und dann ist da noch US-Präsident Donald Trump. Seine Hauptsorge besteht darin, dass die Panik über Covid-19 den Aktienmärkten schadet. Also warf er als erstes seinen politischen Gegnern vor, die Epidemie zu „politisieren“. Dies ist eindeutig nicht der beste Weg, um die Öffentlichkeit angemessen zu informieren, und es ist eine solide Grundlage für Verschwörungstheorien. Trumps Sohn Donald Junior ging noch weiter und verkündete, dass die Demokraten hofften, die Krankheit würde Millionen von Menschen töten, nur um seinen Vater zu Fall zu bringen. Tom Cotton, ein republikanischer US-Senator aus Arkansas und ein möglicher zukünftiger Präsidentschaftskandidat, wiederholte als falsch entlarvte Spekulationen, die chinesische Regierung habe Covid-19 als Biowaffe hergestellt.

Wenn derlei Absurditäten für allzu große Empörung in der Öffentlichkeit sorgen, werden sie manchmal ein wenig abgemildert. Doch dann ist es zu spät, weil der Schaden schon angerichtet ist. Ein Freund beobachtete letzte Woche in New York, wie ein großer weißer Mann zwei asiatisch aussehende Frauen ansprach und ihnen sagte, er hoffe, dass das Coronavirus sie töten werde, „so wie wir es mit eurem Volk in Hiroshima gemacht haben“.

Dieser Mann war eindeutig verwirrt. Man würde hoffen, dass die meisten Amerikaner, auch die meisten weißen amerikanischen Männer, über ein solches Verhalten entsetzt wären. Das Problem ist, dass sich verstörte Menschen angesichts von bekannten Senatoren und anderen hohen Amtsträgern, die böswillige Verschwörungstheorien verbreiten, frei fühlen, Dinge zu sagen und zu tun, die sie normalerweise nicht tun oder sagen würden. Es braucht nicht viele verstörte Menschen, um einen gewalttätigen Mob zu bilden.

Deshalb ist es falsch, Menschen, die im Namen einer rassischen, politischen oder religiösen Ideologie andere Menschen in Tötungsabsicht angreifen, einfach als verrückte Einzelgänger abzutun. Figuren wie Anders Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Menschen ermordet hat im Zuge seines Krieges zur Rettung des Westens vor Marxisten, Multikulturalisten und Muslimen, mögen tatsächlich allein agieren. Aber die Menschen, die Verschwörungstheorien verbreiten, die die Wut solcher Mörder entfachen, tragen zumindest eine Mitverantwortung. Dasselbe gilt für muslimische Extremisten, die einen heiligen Krieg gegen böse Ungläubige fordern, oder für Politiker, die behaupten, dass Flüchtlinge, die schreckliche Krankheiten mit sich führen, ihre Länder bedrohen.

Die Krise zu benutzen, um Hass zu schüren, könnte tödliche Folgen haben.

Covid-19 ist eine Bedrohung, wie alle Kranheiten, die zu Pandemien führen können. Und doch hat Trump versucht, das Budget für die US-Behörde zum Schutz der öffentlichen Gesundheit (Centers for Disease Control and Prevention) zu kürzen und hat die für die Pandemiebekämpfung zuständigen Teams des Nationalen Sicherheitsrates aufgelöst und nicht ersetzt. Der Präsident und seine Unterstützer haben kein Vertrauen in Experten, und der Mann, der den Kampf gegen das Coronavirus anführen soll, Vizepräsident Mike Pence, steht der Wissenschaft skeptisch gegenüber.

Um eine Krankheit einzudämmen, die die Welt bedroht ist allerdings die Wissenschaft gefragt und nicht Gebete. Es ist weder menschlich hohe Mauern zu errichten oder Menschen in Konzentrationslager einzusperren, noch eine wirksame Lösung. Und die Krise zu benutzen, um Hass zu schüren, könnte tödliche Folgen haben. Was wir brauchen sind Sachverstand, internationale Zusammenarbeit und politische Führungsköpfe, die sich in ihren Äußerungen bemühen, der Bevölkerung die Sorgen zu nehmen. Leider erleben wir in zu vielen Teilen der Welt genau das Gegenteil.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow

© Project Syndicate 1995–2020

Ian Buruma (* 1951 in Den Haag), Chinaexperte ist Autor und Professor für Demokratie und Menschenrechte am Bard College in New York. Burumas jüngstes Buch trägt den Titel A Tokyo Romance: A Memoir.

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