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Konjunktur

Industrie erwartet spürbares Minus

IV-Generalsekretär Christoph Neumayer.
IV-Generalsekretär Christoph Neumayer.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Auswirkungen des Coronavirus in Italien und China sowie an den Börsen würden das BIP um zumindest 0,5 Prozent senken. Viele Firmen dürften darauf mit Kurzarbeit reagieren.

Wien. Angesichts der Dynamik der Ereignisse ist auch diese Prognose mit großen Unsicherheiten behaftet. Sollte es nämlich in Österreich selbst oder Deutschland eine ähnliche Entwicklung wie in Italien geben, dann würde sich die Situation noch deutlich verschlechtern, so Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung am Dienstagnachmittag. Bleibt es aber bei den bereits bekannten Maßnahmen in China und Italien, dann wären die Folgen für die österreichische Wirtschaft zwar stark zu spüren, aber verkraftbar.

Um 0,54 Prozent würde das heimische BIP laut den Berechnungen der IV geringer ausfallen als bisher erwartet wurde. Angesichts von Prognosen von rund 1,2 Prozent Wachstum für das Jahr 2020 zwar ein deutliches Minus, aber „keine Rede von einer Rezession“, so IV-Generalsekretär Christoph Neumayer.

 

Fehlende Nachfrage

Mit einem Wertschöpfungsentfall von 569 Mio. Euro oder 0,15 Prozent des BIPs würde sich die Situation in China schlussendlich in Österreichs Wirtschaftsbilanz widerspiegeln, erwartet Helmenstein. Das Hauptproblem sei dabei die fehlende Nachfrage nach österreichischen Exporten sowie der indirekte Effekt bei heimischen Zulieferungen zu deutschen Exporten nach China. „Das ist wesentlich wichtiger als der Ausfall von chinesischen Vorprodukten für österreichische Unternehmen.“ Aber auch das Ausbleiben chinesischer Touristen sei ein durchaus starker Faktor.

Die aktuellen Probleme Italiens schlagen in den Berechnungen der IV mit einem Entfall von 496 Mio. Euro oder 0,13 Prozent des BIPs sogar ein wenig geringer auf Österreich durch. Hauptgrund dafür ist, dass es weniger indirekten Export über Deutschland nach Italien als nach China gibt. Unterstellt wurde für diese Berechnung, dass sich die Epidemie in Italien nun ähnlich verhält wie in China. „Wir rechnen mit einem Zeitraum von 61 Tagen zwischen dem ersten Auftreten des Coronavirus und dem Infektionshöchststand“, so Helmenstein. Demnach wäre der Peak in Italien Ende April.

Am stärksten negativ wirkt sich laut IV jedoch der Einbruch an den Finanzmärkten auf die österreichische Volkswirtschaft aus. Und zwar soll sich dadurch die Wirtschaftsleistung um 987 Mio. Euro oder 0,26 Prozent reduzieren. Grund dafür ist, dass durch die Rückgänge an den Börsen indirekt auch die Bankbilanzen belastet werden. Und das könnte mittelfristig die Kreditvergabe verringern.

Die Industrievertreter haben daher einige Forderungen an die Politik. So solle beispielsweise der Zugang zu Kurzarbeit erleichtert werden. Derzeit sei dies bei Firmen ohne eigenen Betriebsrat nur durch ein Abkommen auf Ebene der Sozialpartner möglich. „Das sollte immer auf Betriebsebene beschlossen werden können“, so Neumayer. Denn Kurzarbeit dürfte von vielen Firmen angewandt werden, um die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise abzufedern. Dass dieses Instrument so stark genutzt werde wie in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09, sei derzeit zwar unwahrscheinlich, so Neumayer. Damals seien in Summe knapp 120.000 Menschen einmal in Kurzarbeit gewesen. Klar ist jedoch, dass das Budget von den bisher veranschlagten 20 Mio. Euro erhöht werden müsse.

 

Haftungen für alle Firmen

Aber auch sonst erinnern einige der Forderungen an die Wirtschaftskrise. So wünscht sich die IV, dass die Übernahme von staatlichen Haftungen für Unternehmen nicht nur für Tourismusbetriebe gilt, wie von der Bundesregierung in der Vorwoche vorgestellt wurde. Ähnlich wie beim in der Krise vor zehn Jahren eingeführten Unternehmensliquiditätsgesetz sollen auch Industriebetriebe bei Bedarf staatliche Haftungen in Anspruch nehmen können. Damals wurden über dieses Vehikel Haftungen von über einer Mrd. Euro vergeben. „Das brauchen wir diesmal sicher nicht.“ Aber einen zweistelligen Millionenbetrag könnte diese Maßnahme schon ausmachen.

Grundsätzlich gehe es darum, „gesunde Unternehmen“ zu bewahren und die dortigen Arbeitsplätze zu erhalten. Daher sei auch Pragmatismus der Behörden notwendig – etwa bei Betriebsprüfungen oder Stichtagen für Steuerzahlungen. „Es geht hier nicht um eine Steuerreduktion, aber unter Umständen um eine Steuerstundung“, so Neumayer.

Zu diesem Pragmatismus gehöre auch, dass der Güterverkehr nach Italien aufrecht bleibe. Denn laut Informationen der IV sind trotz des am Dienstag verhängten Einreisestopps für Italiener nach Österreich nach wie vor Lkw nach und von Italien unterwegs. Und das solle so bleiben. (jaz)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2020)