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Gastbeitrag

Sie ist Ministerin für alle Frauen

Österreichs Frauenministerin, Susanne Raab, weigert sich, sich als Feministin zu bezeichnen. Vielleicht gar nicht so falsch.

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Dutzende TV-Kameras hielten 2017 unerbittlich eine sichtlich überforderte deutsche Kanzlerin auf der W20-Frauenkonferenz fest, die nach Worten ringt auf die Frage der EZB-Chefin, Christine Lagarde, ob sie denn Feministin sei. Ein Ja sieht anders aus. Angela Merkel stammelte etwas von „Gemeinsamkeiten und Unterschieden“ und rettete sich in angedeutete Demut, sie wolle sich nicht mit fremden Federn schmücken angesichts der historischen Leistungen großer Frauen. Gerade noch die Kurve bekommen.

Österreichs Frauenministerin, Susanne Raab, verweigert nun ebenfalls die eingeforderte Haltung, man habe als zuständige Ministerin gefälligst Feministin zu sein. Weil der Begriff ihrer Meinung nach mehr Frauen trenne als verbinde. Gar nicht so falsch. Wäre die feministische Welt ein Wiener Kaffeehaus, müsste der Ober bei der Bestellung fragen: „Welchen Feminismus hätten'S denn gern?“ Lieber den Gender-Feminismus, oder darf es etwas Gender-Pay-Gap sein? Mit oder ohne Quote obendrauf? Den Männerhass auf einem Extrateller oder lieber gut durchgemischt? Gerade bejubelte man zum 100. Geburtstag des Weltfrauentages seine Erfinderin, Clara Zetkin. Eine stramme Stalinistin, die von „Sowjetdeutschland“ träumte und sich an russischen Schauprozessen beteiligte. Welch Tradition! Die Quotenfeministinnen wiederum träumen von gesetzlich garantierter Parität auf allen Ebenen oberhalb der Müllabfuhr. Die leicht reizbaren Netzfeministinnen hingegen treiben jedes halbe Jahr eine neue Hashtag-Kampagne gegen die „toxische Männlichkeit“ alter weißer Männer durchs Twitter-Dorf, während der intersektionale Feminismus sich mit allen Opfergruppen verbündet, die er finden kann. Was dann auch zu skurrilen Verschwesterungen führt, wie etwa mit den kopfbetuchten Feministinnen, die ihre von Papa angeordnete Selbstverhüllung als emanzipatorischen Akt verstanden wissen wollen und nicht etwa als Unterdrückung der Frau im Islam. Ja, die Solidarität der Töchter Europas ist weltweit noch ausbaufähig, aber wir schreiben dafür antidiskriminierend mit Gender*Stern!

Mich bezichtigte einst eine selbsternannte „Feministin der ersten Stunde“ (sie muss also 100 Jahre alt gewesen sein), Antifeministin zu sein, weil ich Mütter und Hausfrauen verteidigte. Die deutsche Feminismus-Ikone Alice Schwarzer wiederum fragte mich vor laufender Kamera, ob ich von Männern bezahlt würde. Ich hatte den Femen-Feminismus kritisiert, weil mir nackte Brüste gegen Sexismus wie ein Grillfest für Veganer vorkam. Die Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling muss sich derweil inklusive digitalem Shitstorm von Trans-Feministinnen als transphob beschimpfen lassen, weil sie an der Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau festhält.

 

Der Feminismus ist tot

Frauenministerin Raab hatte in ihrem „Merkel-Moment“ also völlig recht, sich nicht vor den Karren eines „Feminismus“ spannen zu lassen, der alles und sein Gegenteil bedeuten kann und allen Frauen den Verstand abspricht, die sich nicht in die einzig erlaubte Meinung einreihen. Für dieselbe Haltung bescheinigte das feministische Schwarzer-Lager einst Deutschlands Frauenministerin Kristina Schröder, „schlicht ungeeignet“ zu sein.

Sie ist nämlich Ministerin für alle Frauen. Für Arbeitslose und Berufstätige, für Mütter und die Kinderlosen. Für queer-vegane LGBT-Aktivistinnen, für Kurzhaarschnitt-Doppelnamen-Frauen, aber auch für katholische Hausfrauen und modere „Sexarbeiter*Innen“, was für die meisten Feministinnen am Ende fast dasselbe ist. Der Feminismus ist tot. Hoch leben stattdessen die vielen Frauenrechtlerinnen.

Die Autorin

Birgit Kelle (* 1975) ist freie Journalistin und Autorin, Mitglied der CDU, schreibt Kolumnen u. a. für „Die Welt“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2020)