Zoologie

Wie Affenmütter an ihren toten Kindern hängen

Forscher vermuten eine starke Mutter-Kind-Bindung: Eine Bärenpavianfrau mit ihrem Baby.
Forscher vermuten eine starke Mutter-Kind-Bindung: Eine Bärenpavianfrau mit ihrem Baby.(c) Alecia Carter, UCL
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Bis zu zehn Tage lang tragen Pavianmütter ihr totes Baby weiter. Fühlen sie ähnlich wie Menschenmütter?

Es war das Gegenteil einer Neujahrsgeburt: In der Nacht auf den 1. Jänner starb im Frankfurter Zoo das Bonobo-Baby Zikombo. Doch noch neun Tage war das tote Kind zu sehen, weil seine Mutter Nayembi den Abschied verweigerte – sie trug ihr Baby weiter mit sich herum.

Man kennt dieses herzzerreißend anzusehende Verhalten von Orca-Walen, vor allem aber kennt man es von Menschenaffen. Nun haben Anthropologen es jahrelang in der Wüste von Namibia an Bärenpavianen studiert (Royal Society Open Science, 11. 3.). Zwölf Fälle schildern sie, in denen Mütter ihr totes Kind – darunter eine Fehlgeburt und zwei Totgeburten – weiter mit sich herumtrugen; eine Stunde oder auch zehn Tage lang, im Durchschnitt drei bis vier Tage. Und dabei pflegten sie ihr totes Kind auch noch.

Trauerbewältigung im Tierreich?

Wissen sie nicht, dass ihr Kind tot ist? Können sie nicht zwischen einem toten Kind und einem lebenden, das gerade nicht reagiert, unterscheiden? Das ist eine Hypothese – den Forschern zufolge aber eine schwache. Denn die Menschenaffen-Mütter gehen mit ihren toten Babys anders um als mit lebenden: Sie halten sie zum Beispiel nur an einem Arm oder schleifen sie am Boden hinter sich her.

Die Autoren der Studie haben eine andere Erklärung, die Pavianmütter in die Nähe von Menschenmüttern rückt: Bindung, ja Trauer. „Es herrscht eine so starke Auslese zugunsten der Entwicklung der Mutter-Kind-Bindung, dass diese Bindung, einmal entwickelt, schwer zu lösen ist“, formuliert es die federführende Autorin der Studie, Alecia Carter vom University College London. Die Forscher vermuten auch, dass die zögerliche Trennung vom toten Baby für die Affenmütter eine Art ist, mit ihrem Verlust umzugehen: Trauerbewältigung.

Ist die Mutter-Kind-Bindung auch individuell unterschiedlich stark, wie bei Menschenmüttern? Es gibt nämlich auch viele Pavianmütter, die ihr verstorbenes Baby einfach liegen lassen. Warum nur manche Mütter die Babys weitertragen, können die Forscher nicht beantworten. Diese Unterschiede würden wohl von „einer Reihe von Faktoren“ beeinflusst, meint Alecia Carter nur.

Das Gleiche gilt für den Zeitraum des Tragens. Hier spielen den Forschern zufolge unter anderem das Alter der Mutter, der Todesgrund und klimatische Bedingungen eine Rolle. Manche Schimpansen und Japanmakaken beispielsweise trennen sich noch viel länger, über einen Monat lang, nicht von ihrem toten Kind.  Doch in der Wüste von Namibia legen die Pavianmütter viel längere Entfernungen pro Tag zurück, betont Carter, „und die Wüstenumgebung ist rau, sie macht es für die Mutter schwieriger, ihr Kind lange Zeit herumzutragen“.

Aber nicht nur Mütter, auch deren männliche Freunde, meist der Kindsvater, kümmern sich um das tote Baby (obwohl männliche Paviane keine starken Vaterinstinkte haben): Sie drohen Artgenossen, die zu nahe kommen, oder putzen das tote Kind, wenn die Mutter sich kurz entfernt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2020)

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