Mit "Kabinenparty" hat der österreichische Hip-Hopper Skero einen Sommerhit gelandet, auf den sich alle einigen können. Nur: Er freut sich schon, wenn der Hype wieder vorbei ist. Weitere Projekte warten.
Die Wohnungstür öffnet sich und ein Zwei-Meter-Mann in einem gestreiften Pyjama schaut verwirrt heraus: „Was ist des jetz?“ Es ist acht Uhr abends, Martin Skerwald alias Skero zieht sich schnell etwas Passendes für das Interview an, das auf seinem Balkon zwischen Kräutern, Blümchen und Hängematte stattfinden soll. Die Wohnung ist auch sein Atelier: Spraydosen vor halbfertigen Leinwänden, Mikrofonständer, Kunst, und in der Ecke liegt die dicke Goldkette – das Markenzeichen von Skeros Solo-Auftritt. Der 37-jährige Graffitikünstler, Designer und Musiker arbeitet von zu Hause aus, und die letzten Monate haben ihn geschafft. „Ich freu mich, wenn der Hype vorbei ist“, sagt er gleich zu Beginn. Der Hype, das ist sein Song „Kabinenparty“, der mittlerweile mehr als zwei Millionen Mal auf YouTube angesehen wurde und die Top Ten der Ö3-Hitparade erreicht hat – noch nie war ein österreichischer Hip-Hop-Track so erfolgreich.
Der perfekte Partysong. Vor 16 Jahren gründete Skero mit vier Kollegen aus Linz die Hip-Hop-Band Texta. Im letzten Jahr veröffentlichte er sein absolut hörenswertes erstes Soloalbum: „Memoiren eines Riesen“. Der Song „Kabinenparty“ ist eine von 18 sehr unterschiedlichen Nummern zwischen Wienerlied, Linzer Slang, Dubstep und Favela Funk bzw. Baile Funk. „Da wollte ich einfach mal den perfekten Partysong probieren. Bei Baile Funk geht es ja hauptsächlich um Sex, ich hab dann versucht, mit dem deutschen Text noch etwas Subversives reinzubringen“, sagt Skero. Den Song gab es mit anderen Beats schon vorher, nämlich unter dem Titel „Popozuda Rock n’ Roll“ als Nummer des brasilianischen Punk-Rappers Edu K.
Das Video zu „Kabinenparty“ ist im Ottakringer Kongressbad quasi ohne Budget entstanden. „Wir haben alles mit Freunden gedreht, nur die Kids waren echt. Die Szene, wo ich die Leute vor der Kabine begrüße, da kommt schon jeder mindestens fünfmal daher, damit es nach mehr ausschaut. Die sind alle immer hinten rausgerannt, haben sich umgezogen und sind vorne wieder neu rein.“ Ende des Sommers 2009 stellte Skero das Video ins Netz, der Song wurde kontinuierlich auf FM4 gespielt. Als die Klicks auf YouTube binnen weniger Wochen 80.000 erreichten, rief Skeros Label bei Ö3 an. „Ja, ja, wir beob-achten das schon länger“, so die Antwort der Radioredakteure. Ab dem Moment, da der Song offiziell auf Ö3 promotet wurde, sprangen die Veranstalter auf. Skeros Telefon steht seither nicht mehr still – ein Sommerhit, auf den sich offenbar alle einigen können, war geboren.
Seit Monaten tourt Skero durch Österreich und bespielt alles, von der Landdisco bis zum Zeltfest. Ein neues Universum und ein neues Publikum für den Hip-Hop-Veteranen: „Die wissen nicht, dass ich seit 16 Jahren im Geschäft bin, die glauben, das ist der lustige Kabinenparty-Typ. Aber solange das so funktioniert, dass ich die Nummer spiele und die Leute völlig ausflippen, ist das super. Mir ist natürlich klar, dass das eigentlich nicht mein Publikum ist.“ Angesichts der Gage von 5000 Euro für einen 15-Minuten-Auftritt in einer Disco kann man da aber auch mal ein Auge zudrücken. Auch die anschließenden Autogrammstunden absolviert Skero mit faszinierter Distanz: „Nach so einem Auftritt werde ich mit Bodyguards in einen Nebenraum geführt, dann bilden sich Warteschlangen. Manche Autogrammjäger wollen vier bis fünf Unterschriften von mir, manche auf den Arm – das verstehe ich sowieso nicht, was sie damit anfangen. Da sitz ich dann da, an meinem Holztisch, und komm mir vor wie der Weihnachtsmann.“
Skero ist ein zu alter Hase und hat zu viele Jahre mit Texta um seine Musik gekämpft, als dass er in Gefahr wäre, von so viel Aufmerksamkeit größenwahnsinnig zu werden. „Jetzt sind wir 16 Jahre dabei, und unser Label sagt, wir schulden ihnen noch 6000 Euro von unserem Vorschuss. Wir spielen Konzerte, sind drei Tage unterwegs, und ich hab nachher 200 Euro in der Hand“, erzählt er lakonisch. Und auch, dass die Jungs seiner Band den plötzlichen Soloerfolg mit gemischten Gefühlen aufgenommen hätten, vor allem „Kabinenparty“ mit seinem Spaßanspruch scheint nicht ganz in das strenge Texta-Universum zu passen. „Mit Texta hätte ich das nicht machen können. Dass sie das nicht verstehen, war für mich dann auch ein gutes Zeichen dafür, dass ich da offenbar was ganz anderes gemacht habe. Es gibt ja nichts Langweiligeres, als wenn das Soloalbum von jemandem gleich klingt wie die Band vorher“, sagt Skero.
Vorbild Ambros. Auf seiner Soloplatte verarbeitet er die Einflüsse aus all den Jahren, orientiert sich an den USA, aber auch seine Liebe zum Austropop wird spürbar. „Für mich war Musik immer schon total wichtig, da gibt es Nummern, da fang ich heute noch zu heulen an, z. B. ,Heit drah i mi ham‘ von Wolfgang Ambros.“ Auch Helmut Qualtinger, Georg Danzer und André Heller faszinieren Skero, vor allem auf der sprachlichen Ebene. Mit dem testosterongeladenen deutschen Imagerap der Marke Bushido hat er nichts am Hut. „Deutsch-Rap ist nur eine Kopie, die Inhalte werden oft eins zu eins übernommen, das ist lächerlich. Man kann das nicht mit Amerika vergleichen, wo es keine Sozialhilfe gibt und wo jeder mit Schusswaffen durch die Gegend rennt. Für mich ist das eine Beleidigung für die Leute, die wirklich im Ghetto leben. Nur Aggression auszustrahlen bringt nichts. Ich kann mich auch auf den Karlsplatz stellen und sagen: Siehst du, die Welt ist scheiße. Oder ich fahre mit der S-Bahn ein paar Stationen raus, setz mich in die Sonne und schau mir an, was da so ist.“
Und wie geht es weiter im Skero-Universum? Fest steht, dass er für den Erfolg keinesfalls seine Seele verkaufen wird. „Jetzt fragen ja auch schon alle: ,Und wann kommt der Nachfolgehit?‘ Ich könnte ja jetzt noch Rosinenparty machen und im Winter Lawinenparty. Mich stresst das Ganze eigentlich mittlerweile mehr, als es mir Freude macht, ich mach ja auch gern verschiedene Sachen, und ich kann nichts anderes mehr machen im Moment.“ Da gibt es zum Beispiel sein Projekt „Grasfliese“. Eine ausgeklügelte Konzept-Bodenfliese mit Grasmuster, die Skero designt hat und die er mithilfe eines Herstellers produziert und verkauft. Daneben studiert er an der Akademie Malerei und setzt sich mit seiner Arbeit und seinen Ausstellungen für die Anerkennung von Street-Art und Graffiti als Kunstformen auch auf universitärer Ebene ein.
In seinem aktuellsten Projekt „Businesspunks“ zeigt Skero, wie leicht sich Kunst und Geschäft verbinden lassen. Er entwirft Designs für das Innenfutter von Sakkos in den schrägsten Mustern: „Außen unauffällig, innen der ganze Wahnsinn“ – klingt fast wie ein Lebensmotto.
Memoiren eines Riesen von Skero (Hoanzl) www.skero.at