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Junge Forschung

Das ABC vor Christi Geburt

Corinna Salomon interessiert, in welchem Verhältnis die Sprachen der keltischen Lepontier und Gallier zueinander stehen.
Corinna Salomon interessiert, in welchem Verhältnis die Sprachen der keltischen Lepontier und Gallier zueinander stehen.(c) Clemens Fabry/Die Presse (Clemens Fabry)
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Wie entwickeln sich Schriften? Dieser Frage spürt die historische Linguistin Corinna Salomon beim Aufarbeiten norditalischer Alphabete aus der Eisenzeit nach.

Die notorische Materialarmut historisch rekonstruierender Fächer setzt die Bereitschaft voraus, sich in kleinste Details zu versenken“, sagt Corinna Salomon. Und darin sei sie Meisterin. Sie hat vor zwei Jahren an der Uni Wien in historischer Linguistik promoviert. Die Arbeit an ihrer Dissertation über die Herkunft der Runenschrift veranschaulicht das nötige Maß an Geduld und Beharrlichkeit gut.

Bereits 2006, nach dem Magister in Germanistik, fing Salomon mit den Vorbereitungen an. „Doch um der These nachzugehen, dass auch die norditalischen Alphabete Vorbilder für die Runen sein könnten, gab es nur mangelhafte Quellen“, so die 36-Jährige. „Mit diesen lokalen Varianten des etruskischen Alphabets wurden in der Eisenzeit in Norditalien Sprachen wie Camunisch, Lepontisch oder Rätisch auf Steine und Gegenstände graviert.“ Sie wurde Assistentin am Institut für Sprachwissenschaft und schlug sich eine Weile mit Runentheorien herum, die sie wegen der fehlenden Grundlagen wenig schlüssig fand.

Also arbeitete sie zunächst vorhandene rätische Inschriftensammlungen auf, um danach deren Zusammenhang mit den Runen analysieren zu können. Von 2013 bis 2016 erstellte sie in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt unter der Leitung ihres Doktorvaters den Thesaurus Inscriptionum Raeticarum, eine vollständige Online-Edition der rätischen Inschriften. Diese hatte sie in über 30 Museen in Italien, Österreich, Deutschland und der Schweiz neu untersucht, mit einer Archäologin sowie einer Fotografin und Zeichnerin im Schlepptau. „Das brachte viele neue Erkenntnisse über Sprache und Schrift.“ Damit ausgerüstet bekam ihre nach Projektende wieder aufgenommene Doktorarbeit endlich Hand und Fuß. „Wir haben die Edition damals bewusst als Bilddokumentation gestaltet, damit sich Forscher, die sie benutzen, selbst eine Meinung bilden können“, erklärt Salomon. „Schließlich sollte einer Theorie immer eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Material vorangehen.“ Aber auch für Laien sei das Onlinelexikon interessant; nicht zuletzt, weil es aufzeige, worauf sich das Wissen stützt. „Der Alte-Völker-und-Schriften-Bereich ist ja oft ein Tummelplatz grenzwertiger Spekulationsliteratur.“

Als Teenager habe sie selbst „dümmliche Bücher über Druiden“ verschlungen. „Zum Glück berichtete eines davon auch über die Stellung der keltischen Sprachen als Zweig der indogermanischen Sprachfamilie“, schmunzelt Salomon.

 

Mehr banaler Alltag, weniger Gebete

„Das hat mich weiterhin interessiert, und in der Forschung habe ich schnell gemerkt, dass man bei der Entzifferung von Schriften eher auf banale Alltagsdinge stößt als beispielsweise auf Gebete an Odin.“ Zurzeit handelt es sich vor allem um Grabinschriften und Namensvermerke auf Gebrauchsobjekten wie etwa Tongefäßen. Ihr aktuelles Projekt am Wiener Institut für Sprachwissenschaft startete am 1. März, dafür bekam Salomon eine Apart-GSK-Förderung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Damit wird sie die Entwicklung des Alphabets der keltischen Lepontier untersuchen, die zwischen 700 v. Chr. und dem ersten vorchristlichen Jahrhundert in Italien nahe dem Lago Maggiore gelebt haben. Die um 400 v. Chr. dort eingewanderten keltischen Gallier haben es ebenfalls benutzt, aber eine eigene Sprache gesprochen. Salomon wird auch die Unterscheidungsmerkmale zwischen diesen beiden Sprachen herausarbeiten. „Ich möchte verstehen, wie sie sich gegenseitig beeinflusst haben.“

Ein zusätzlicher Aspekt: Ihre Ergebnisse und Daten werden in eine weitere Online-Edition einfließen, nämlich das Lexicon Leponticum. „Ein Kollege hat damit begonnen, und wir möchten es gemeinsam fertigstellen.“ Es wird nicht nur ausführliche Kommentare, Literaturlisten und Bilder beinhalten, sondern auch fotogrammetrische 3-D-Modelle von Objekten. Geschichte, wenn auch zeitlich später angesiedelte, spielt übrigens auch in Salomons Freizeit eine Rolle. Sie ist Mitglied eines Vereins, der auf Mittelalterfesten die Johanniter des 13. Jahrhunderts darstellt.

ZUR PERSON

Corinna Salomon (36) studierte an der Uni Wien Germanistik mit Schwerpunkt Mediävistik und stieß bei einem Erasmus-Aufenthalt in Oslo auf die Runologie. Sie dissertierte 2018 in historischer Linguistik über die rätischen Alphabete als Vorbildmodelle für die Runenschrift. Nach der Arbeit am Onlinelexikon rätischer Inschriften vervollständigt sie nun das Onlinelexikon für Lepontisch.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2020)