Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl
Interview

Bundeskanzler Kurz: „Krankheit, Leid und Tod für viele“

Bundeskanzler Kurz ruft die Bevölkerung zur Mithilfe auf.
Bundeskanzler Kurz ruft die Bevölkerung zur Mithilfe auf.Clemens Fabry/Die Presse
  • Drucken
  • Kommentieren

Bundeskanzler Sebastian Kurz will Österreich auf Notbetrieb herunterfahren. Er appelliert: „Bleiben Sie daheim.“ Hinausgehen solle man nur zum Arbeiten, für dringende Besorgungen und um anderen zu helfen.

Herr Bundeskanzler, wann haben Sie zum letzten Mal jemandem die Hand geschüttelt?

Das ist gefühlt schon sehr lang her. So stark die Umstellung ist, es ist das einzig Richtige, was man in der Zeit tun kann. Jeder soziale Kontakt ist ein Risiko, nicht nur für einen selbst, sondern vor allem auch für die Menschen, die einem wichtig sind, die einem am Herzen liegen. Für die eigene Familie, und da ganz besonders für die Eltern- und Großelterngeneration.

Aber gerade die ältere Generation dürfte man mit all den Appellen nur sehr schwer erreichen.

Wir beobachten sehr genau, wie sehr die Bevölkerung auch die Maßnahmen mitträgt. Viele Menschen haben jetzt schon ein sehr starkes Bewusstsein entwickelt und tragen die Maßnahmen auch mit. Aber Sie haben vollkommen recht, es gibt noch immer Menschen, die das Ausmaß der Gefahr, die uns hier bevorsteht, nicht erkannt haben. Das Virus wird Krankheit, Leid und Tod für viele Menschen in unserem Land bedeuten. Jeder hat hier in den nächsten Wochen seinen Beitrag zu leisten. Wir müssen Österreich ab Montag gut vorbereitet auf Notbetrieb hinunterfahren. Nur so gibt es eine Chance, die Ausbreitung zumindest zu verzögern.

Wenn das so ist: Warum sperren die Geschäfte dann erst ab Montag zu? Würde es nicht etwas bringen, die Maßnahmen vorzuziehen?

Jeder muss jetzt schon alle sozialen Kontakte, die vermeidbar sind, auf ein Minimum reduzieren. Aber wir haben als Politik die Verantwortung, die Maßnahmen möglichst rasch zu setzen, aber gleichzeitig sie so zu setzen, dass das System nicht zusammenbricht. Ich bin froh, dass es gelingt, Österreich auf Notbetrieb herunterzufahren, aber gleichzeitig die Sicherheit, die Lebensmittelversorgung und die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens aufrechtzuerhalten.

Wenn die Österreicher nicht mitspielen: Ist es vorstellbar, dass man noch drastischere Maßnahmen ergreift?

Alle Menschen in unserem Land sind ein Team. Jeder in dem Team muss seinen Beitrag leisten. Für manche Bereiche bedeutet das, besonders hart zu arbeiten, über die eigene Leistungsfähigkeit hinauszugehen. Für die Masse der Menschen bedeutet das Einschränkung, Verzicht und eine Reduktion auf das wirklich Notwendigste. Wir werden alle Maßnahmen setzen, die möglich sind, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Viele Eltern überlegen jetzt, welches Freizeitprogramm sie ab Montag mit ihren Kindern machen können.

Keines. Wir müssen Österreich auf den Notbetrieb reduzieren. Nicht auf Dauer, aber für einige Wochen, damit wir nach Ostern wirtschaftlich, aber auch gesellschaftlich und sozial wieder auferstehen können. Das bedeutet für die nächste Zeit: Bleiben Sie zu Hause. Es gibt nur drei Gründe, hinauszugehen. Erstens die Arbeit oder der unaufschiebbare Dienst. Zweitens notwendige Besorgungen. Drittens, andere Menschen zu unterstützen, die sich nicht selbst helfen können. Darüber hinaus gibt es keinen Grund, das Haus zu verlassen. Auch für diese Bereiche gilt: Geben Sie niemandem die Hand, halten Sie Abstand und bleiben Sie auf Distanz. Nicht, weil wir unsere Mitmenschen nicht gern haben, sondern gerade weil wir sie gern haben.

Wenn Sie die vergangenen Wochen Revue passieren lassen: Wäre es nicht sinnvoller gewesen, mit all diesen jetzt vorgestellten Maßnahmen schon vor einer oder zwei Wochen zu beginnen?

Je früher man drastische Maßnahmen setzt, desto besser ist es. Wir sind sicherlich unter den drei Ländern in Europa, die am allerschnellsten reagieren. Meine Sorge ist, dass es immer noch einige Menschen gibt, bei denen es zu wenig Bewusstsein für die Dramatik der Situation gibt, denn Fakt ist, am meisten kann jeder Einzelne tun.

Sind Sie eigentlich froh, dass Sie im Krisenstab jetzt mit Karl Nehammer und Rudolf Anschober zusammenarbeiten – und nicht mit Herbert Kickl und Beate Hartinger-Klein?

Wir arbeiten gut zusammen in der Regierung und mit dem Einsatzstab, aber auch mit den Oppositionsparteien. Es ist eine Phase, wo es um Österreich geht und Parteigrenzen keine Rolle spielen dürfen.

Sie sind auch selbst gefährdet. Wie bereiten sich Regierung und Krisenstab auf einen Coronafall in den eigenen Reihen vor?

Da gibt es einen Notfallplan. Ich würde zusammen mit den zuständigen Regierungsmitgliedern und dem gesamten Einsatzstab die Arbeit isoliert, aber voll einsatzfähig weiterführen können.

Das Interview wurde gemeinsam mit anderen Tageszeitungen geführt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2020)