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Am Herd

Was wir aus dieser Krise lernen können

Von dieser Krise können wir einiges lernen.
Von dieser Krise können wir einiges lernen.REUTERS
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Dass wir alle manchmal vorschnell urteilen. Dass wir auf Experten hören sollten. Und vielleicht auch so etwas wie Demut.

Es ist Freitag. Also für mich, jetzt, wo ich diese Kolumne schreibe. Es ist wichtig, das klarzustellen, weil sich im Moment alles so rasch ändert. Vor zwei Wochen habe ich mich noch auf den Osterurlaub gefreut. Vor einer Woche habe ich ihn storniert. Vor fünf Tagen haben wir in unserer Familienkonferenz beschlossen, meinen Mann statt dessen aufs Land zu schicken, damit er, der gerade einen Herzinfarkt überstanden hat, vor den Viren geschützt ist, die wir alle nach Hause zu schleppen drohen, die Kinder, die „Schwiegersöhne“ und ich.

Seither haben wir den Termin für seine Abreise täglich weiter nach vorn verschoben. Morgen werden wir den Kofferraum seines Mietautos mit Nudeln, Reis und Klopapier vollstopfen und ihm hinterherwinken.


Nur eine Grippe? Gibt es noch Menschen, die Covid-19 nur für eine Art Grippe halten? Oder die glauben, Europa werde glimpflich davonkommen? Wir alle haben in den letzten Wochen viel gelernt. Zum Beispiel, dass sich dieses Virus von der Sommerhitze nicht aufhalten lassen wird. Dass wir erstaunlich schlecht darin sind, uns nicht dauernd ins Gesicht zu fassen. Dass wir Menschen exponentielles Wachstum nicht intuitiv verstehen können. Und einschneidende Maßnahmen auch deshalb wichtig sind, weil sonst zu viele gleichzeitig erkranken, was unser Gesundheitssystem kollabieren lassen würde.

So viel haben wir gelesen und gehört, dass wir uns alle für Experten halten. Doch das sind wir nicht. Das müssen wir auch gar nicht sein! Es gibt ja Menschen, die haben Medizin studiert, haben sich einen Großteil ihres Berufslebens mit der Erforschung von Viren oder dem Verlauf von Epidemien beschäftigt. Wir können in Echtzeit beobachten, wie sie arbeiten: Hypothesen werden aufgestellt, belegt, widerlegt, revidiert, neue Erkenntnisse verändern das Bild. Oft sagen Wissenschaftler: Das wissen wir noch nicht. Oft auch: Das war der Stand letzter Woche, aber die jüngste Studie. . .


Und morgen? Das können wir uns von den Experten abschauen: Auf Fakten zu vertrauen. Die eigenen Ansichten immer wieder in Frage zu stellen. Die Expertise anderer anzuerkennen. Das können wir von der Krise lernen: Nicht vorschnell zu urteilen. Jenen zuzuhören, die es besser wissen. Vielleicht auch: Zu akzeptieren, dass wir nicht vorhersehen können, wie es morgen ausschaut. Dass wir nicht zu allem und sofort eine Meinung haben müssen. Und dass wir erst in einem halben Jahr wissen werden, ob zum Beispiel die Maßnahmen der Regierung zu früh, zu spät oder gerade rechtzeitig erfolgten.

Früher sagte man dazu wohl Demut.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

www.diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2020)